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Im Xantener Dom zwingt uns eine gewaltige Kunstinstallation zum genauen Hinschauen. Es ist Zeit für Veränderung, sagt Weihbischof Rolf Lohmann.
Wir stehen mitten in der Österlichen Bußzeit. Sechs Wochen, die nicht einfach bedeuten, den Gürtel enger zu schnallen und ansonsten im gewohnten Trott zu bleiben. Diese Zeit ist eine Einladung zur Unterbrechung, zum Innehalten – und damit eine Zumutung. Denn wer bewusst innehält, entkommt dem Wegschauen nicht mehr und der Konfrontation mit der ungeschminkten Wahrheit.
Die Schöpfung ist verletztlich
Im Xantener Dom liegt dafür ein drastisches Symbol: ein gestrandeter Wal, oder genauer: der Abguss eines toten Buckelwals, der vor einigen Jahren in Südafrika angeschwemmt wurde. Es ist ein Kunstwerk, kein Museumsexponat. Eines, das sich nicht übersehen lässt, für das die Kirchenbänke vor dem Altar weichen mussten. Wer zum Altar blickt, blickt auch auf den toten Wal.
Dieser Wal zwingt uns zur Begegnung mit einer Realität, die wir gerne verdrängen: Die Schöpfung ist verletzlich – und sie leidet unter unserem Lebensstil. Klimawandel, Vermüllung der Meere, Artensterben: alles bekannt, alles dokumentiert, und doch alles oft erstaunlich folgenlos. Das Tier im Dom macht aus abstrakten Berichten ein konkretes Gegenüber. Und plötzlich steht nicht mehr „die Umwelt“ im Raum, sondern unsere Verantwortung, die Verletzlichkeit, Leiden und Sterben. Es ist eine unmittelbare Konfrontation mit Themen, die wir doch lieber verdrängen.
Veränderung ist möglich
Der Autor:
Rolf Lohmann ist als Weihbischof im Bistum Münster für die Region Niederrhein/Recklinghausen zuständig.
Fastenzeit heißt für Christinnen und Christen: nicht wegducken. Der Glaube ruft dazu auf, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden – und die Konsequenzen zu tragen. Der Wal erinnert daran, dass es nicht genügt, Betroffenheit zu empfinden. Wer hinschaut, muss auch bereit sein zu handeln: für Klimagerechtigkeit, für die Würde jedes Lebewesens und damit auch jedes Menschen. Gegen Antisemitismus. Gegen Rassismus. Gegen jede Form von Ausgrenzung.
Und dann bleibt die Fastenzeit nicht beim Leid stehen. Der Wal ist nicht nur Symbol für das Sterben, sondern erinnert auch an die Jona-Erzählung: drei Tage Dunkelheit, dann ein neuer Anfang. Das ist kein billiger Trost, sondern ein Auftrag. Hoffnung heißt, dass Veränderung möglich ist – aber nur, wenn wir sie auch wollen und dafür einstehen.
Verantwortung übernehmen
Vielleicht ist das der wichtigste Impuls dieser Kunstinstallation: Sie bricht die Routine. Und genau das braucht unsere Gesellschaft. Eine Unterbrechung und die Fragen: Was muss ich ändern? Wo kann ich mich einbringen? Was schulden wir kommenden Generationen?
Fastenzeit ist kein Rückzug. Sie ist Vorbereitung auf neues Handeln. Wenn wir das ernst nehmen, bleibt der Wal im Dom nicht bloß ein starkes Bild – sondern wird zum Startpunkt einer Bewegung, die sagt: Wir schauen hin. Und wir übernehmen Verantwortung. Das ist die Aufgabe von uns Christinnen und Christen in der Gesellschaft und in der Kirche.