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Geschenke gibt es auch für den Ex-Partner

Weihnachten als Patchwork-Familie ist Verhandlungssache

  • Als Studentin und Pflegekraft hat Sonja Wollert alle Hände voll zu tun.
  • Zwei Kinder im Alter von zehn und zwei halten die Patchwork-Familie auf Trab.
  • Bisher wurde Heiligabend immer mit dem Ex-Partner gemeinsam gefeiert. In diesem Jahr ist es anders.
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Manchmal möchte Sonja Wollert sich einfach nur zusammenrollen und nichts tun. Das hat sie neulich auch gemacht, sagt sie. Sogar ein Foto davon hat sie noch auf ihrem Smartphone: Die 32-Jährige liegt auf dem Sofa, vor sich der Laptop. Eigentlich müsste sie etwas fürs Studium tun.

Solche Momente nur für sich allein sind eher selten im Leben der jungen Mutter. Sie studiert Soziale Arbeit an der Fachhochschule Münster, im Januar ist Abgabe der Bachelorarbeit. Außerdem fährt sie Wochenendschichten bei einem ambulanten Pflegedienst. Dazu kommt die Betreuung ihrer zweijährigen Tochter Malou, wenn die Zeit bei der Tagesmutter vorbei ist. Und natürlich die ganz Alltags-Organisation: Kinderarzttermine, Haushalt, Einkäufe. „Ich bin so froh, dass wir zu zweit sind! Dass wir uns die Erziehungsarbeit teilen können“, sagt die junge Frau. „Ich ziehe vor allen Single-Mamis und -Papis den Hut!“

Ihr Partner Ronny Hoferichter ist Betriebsleiter eines mittelständischen Unternehmens im Münsterland. Von morgens bis abends ist der 36-Jährige unterwegs, daher ist der Familie das gemeinsame Abendessen wichtig: „Das ist der einzige Moment, wo wir alle vier zusammensitzen.“ Da werden die Kerzen auf dem Advents-Tisch angezündet und die Päckchen am Adventskalender für den nächsten Tag beäugt. „Sonja liebt Weihnachtsdekoration, meistens fängt sie schon im Oktober an“, sagt Ronny und lacht: „In diesem Jahr ist es harmlos!“ Sonja lächelt: „Zwei Kartons stehen noch im Abstellraum.“

„Erst Kirche, dann essen“

Neu ist in diesem Jahr eine kleine Tür über der Fußbodenleiste im Esszimmer: „Da wohnt der Weihnachtswichtel“, erklärt Malou, Sonjas jüngste Tochter. „Der bringt ab und zu Geschenke, oder legt Briefe hin“, erläutert ihre Mutter diese Tradition, die in skandinavischen Ländern sehr verbreitet ist. Den Nikolaus haben die Kinder neulich auch gesehen. „Die Spitze von der Mütze“, berichtet Malous zehnjährige Schwester Maya aus Sonjas vorheriger Beziehung. „Mikeymausmann!“, ruft die Jüngste dazwischen. „Den ,Weihnachtsmann‘ meint sie“, verbessert die große Schwester. „Erst Kirche, dann essen, dann kommt der Weihnachtsmann“, zählt Maya den Ablauf am Heiligen Abend auf. Ronny nickt. Seine Familie stammt aus der ehemaligen DDR, mit Kirche habe er eher wenig am Hut. sagt er. Am Heiligabend geht daher Mayas leiblicher Vater mit den Kindern und Sonja ins Krippenspiel. Im letzten Jahr waren sie in der Kirche St. Josef in Gelmer, das habe den Kindern gut gefallen.

Abends kehrt endlich Ruhe ein, der Tagestrubel lässt nach. Hund Salma rollt sich auf dem Sofa und Hund Thalie auf dem von Ronny selbst gezimmerten Podest zusammen. Ronny löst seine Freundin von ihrem Mutti-Job ab. Die Töchter sind im Abstand von acht Jahren geboren, berichtet Sonja: „Maya passt super auf Malou auf, sie spielen auch zusammen.“ Jeden Abend wünschen sich die beiden Schwestern eine gute Nacht: „Das ist mir wichtig, damit sie lernen: Sie können sich streiten, aber abends geht man versöhnt auseinander“, sagt ihre Mutter. Maya hat ein gutes Verhältnis zu ihrem leiblichen Vater. Sie freut sich, wenn sie zusammen Zeit verbringen.

Reden, verhandeln, wertschätzen

Er holt sie einmal die Woche nachmittags von der Grundschule ab. An Wochenenden ist Maya alle 14 Tage bei ihm. „Das sind schon zwei coole Männer“, sagt Sonja über die Väter ihrer Töchter. „Sie sind reflektiert. Sie wissen, die Kinder gehen vor, auch wenn es unterschiedliche Meinungen zu manchen Dingen gibt.“ Es sei wie in jeder Familie: Unterschiedliche Interessen müssen verhandelt werden. Wertschätzende Worte über ihren Ex-Partner gehören für Sonja jedenfalls dazu.

Weihnachten mit dem Ex-Partner ist Verhandlungssache in der ganzen Familie. Sonst hat Mayas Vater immer den 24. Dezember mit ihr, Sonja und deren Familie verbracht. Die Männer hätten einen respektvollen Umgang miteinander, erzählt sie. Zwar führten sie keine langen Gespräche, doch „sie schenken sich auch etwas, aber mehr der Vollständigkeit halber. Damit jeder was zu öffnen hat.“ Die Absprachen in Sachen Geschenke für die Kinder laufen über die Mutter: „Meistens bringt Mayas Papa für Malou auch noch eine Kleinigkeit mit.“

Heiligabend ohne Papa

Es sei auch nicht immer leicht zwischen ihr und ihrem Ex-Partner, räumt Sonja ein. Sie versuche aber, ihre Familie aus den Konflikten herauszuhalten. In diesem Jahr werden sie Weihnachten das erste Mal nicht alle zusammen verbringen: „Corona ist sicher ein Grund, aber wir möchten Heiligabend auch einmal zu viert verbringen“, sagt Sonja.

Ihre Tochter Maya ist mit der Entscheidung nicht so glücklich. Sie hängt an ihrem Vater, mit dem sie jeden Abend telefoniert. Ein kleiner Trost: Am ersten Weihnachtstag soll es dann auch mit Mayas Vater zu den Großeltern und der Tante eine Stadt weiter gehen: „Dann ist die erlaubte Personenzahl auch schon erreicht“, fügt Sonja trocken hinzu. Ronnys Familie und auch die von Mayas Vater leben weiter weg, als das regelmäßiger Kontakt möglich wäre.

Das Familien-Rezept

Ihr Rezept als Familie? „Miteinander reden hilft“, finden Ronny und Sonja. „Mama, räumst du für mich auf?“, tönt es prompt von nebenan. Malou ist müde, aber die Bauklötze liegen noch auf dem Boden. Malou ist der kleine Wirbelwind, der eigentlich immer glücklich ist, sagen ihre Eltern über die Jüngste.

Und wenn nicht, dann helfen trösten, reden, verhandeln: „Das ist mitunter aber auch tagesformabhängig. Es gibt Zeiten, da kann ich einfach nicht mehr“, sagt Sonja. Es ist eben nicht immer alles perfekt: „Das finde ich wichtig, sich das auch einzugestehen.“ Sie würde sich wünschen, dass es einfach selbstverständlicher ist, dass die Eltern sich Kinder- und Hausarbeit gerecht teilen.

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