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Papst Leo XIV. stellte sich auf Lampedusa an die Seite der Geflüchteten. Michelle Becka wirbt für einen Perspektivwechsel bei uns.
Papst Leo XIV. stand am 4. Juli am Mahnmal Porta l’Europa auf Lampedusa: den Blick auf das Meer gerichtet, in dem Tausende Menschen ihr Leben verloren haben. Das Bild ist selbst zum Mahnmal geworden. Es mahnt uns, die Menschlichkeit nicht zu vergessen.
Wenig später sprach er diesen bedeutenden Satz: „Habt den Mut, anders zu denken!“ Darin klingt die Forderung der Aufklärung an: Hab Mut, dich deines Verstandes zu bedienen. Ja bitte, tun wir das doch! Nachdenken, bevor wir vorschnell urteilen oder nachplappern, skeptisch sein gegenüber vermeintlich einfachen Lösungen für komplexe Probleme und ganz im Sinne der Aufklärung fähig sein, von uns selbst und unseren Bedürfnissen auch mal abzusehen.
Worauf der Papst seinen Blick richtet
Die Autorin: Michelle Becka ist Professorin für Christliche Sozialethik an der Universität Münster und Direktorin des dortigen Instituts für Christliche Sozialwissenschaften.
Anders zu denken, erfordert in der Tat Mut angesichts so vieler Krisen. Aber sollten wir ChristInnen nicht die Hoffnung haben, dass die Welt auch anders sein könnte, und den Mut, das zu denken? Der Papst gibt eine Richtung an: Das Denken, das nötig ist, geht nicht über das Leid hinweg – es nimmt darin seinen Ausgang. Er spricht mit dem Blick auf die, die verfolgt werden, die auf Fluchtwegen Gewalt erfahren, die sterben und deren Geschichten wir in Europa nicht hören wollen. Mutig wäre, das nicht auszublenden.
Mutig waren auch die PolitikerInnen in der Nachkriegszeit, als sie eine neue Weltordnung gedacht und konstruiert haben. Sie war nie perfekt – aber ein großartiger Schritt. Das gilt auch für die Genfer Flüchtlingskonvention, die gerade 75 Jahre alt wurde. Sie ist ein Schutzversprechen für gewaltsam Vertriebene. Heute sind das etwa 117 Millionen Menschen! In ihrem Zentrum steht das Gebot, dass Menschen nicht aus- oder zurückgewiesen werden dürfen, wenn dadurch ihr Leben oder ihre Freiheit in Gefahr ist.
Verschärfung der EU-Regeln
Die Überzeugung, dass jeder Mensch Träger von Menschenwürde und -rechten ist, droht heute zu verblassen. Die Europäische Union hat das Asylrecht massiv verschärft. Sie wird etwa künftig auch in Drittstaaten abschieben, die die Genfer Flüchtlingskonvention nicht unterzeichnet haben. Gleichzeitig erhält das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) immer weniger Geld, um Geflüchtete weltweit zu versorgen. Rechtliche Standards werden ausgehöhlt, humanitäre Hilfe wird erschwert.
Der Mut, anders zu denken, beginnt, wenn ich das Leid der anderen wahrnehme und mir klar mache, dass Rechte nicht nur mir zustehen. Und Denken bestimmt Handeln – individuelles und politisches.
In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.