Claudia Möllers über das „Missionsland Deutschland“ und die Strukturen der Kirche

Christliche Stimme nach außen und Reformen im Inneren gehören zusammen

Anzeige

Das Bekenntnis zu christlichen Grundwerten und Veränderungen in der starren hierarchischen Struktur der Kirche - beides muss Hand in Hand gehen, sagt Claudia Möllers.

„Deutschland ist wieder ein Missionsland.“ Das stellte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, jüngst fest. Wenn nicht einmal mehr 50 Prozent der Bürger in Deutschland noch christlich sind, müsse man beginnen, vom Glauben zu reden.

Ja, das ist sicher richtig. Aber gleichsam birgt diese Erkenntnis eine Gefahr: dass angesichts des drängenden Projekts der Glaubensverbreitung die wichtigen Reformvorhaben in der Kirche wie die Stärkung der Frauenrolle und der Laien insgesamt, die Klärung der Machtfrage und die Überarbeitung der Sexualmoral auf der Prioritätenliste nach hinten durchgereicht werden, bevor sie in der Weltsynode in die entscheidende Phase gelangen. Nach dem Motto: Leider gerade keine Zeit für Reformen, es geht erst ums Überleben der Kirche.

Stimme der Christen muss viel deutlicher zu Gehör gebracht werden

Die Autorin
Claudia Möllers stammt aus Münster und wuchs im Münsterland auf. Ihre journalistische Ausbildung absolvierte sie in den Achtzigerjahren bei „Kirche+Leben“. Im Anschluss arbeitete sie in der Bischöflichen Pressestelle Münster. Seit 33 Jahren gehört sie zur Redaktion des „Münchner Merkur“, wo sie Autorin in der Politik-Redaktion ist und auch Kirchenthemen bearbeitet.

Dass das Bekenntnis zum Glauben und zu den christlichen Grundwerten für den Zusammenhalt in der Gesellschaft und die Stärkung der Demokratie unverzichtbar sind, ist Konsens. Angesichts der Kriege vor unserer Haustür und der Bedrohung unserer Demokratie muss die Stimme der Christen viel deutlicher zu Gehör gebracht werden.

Der Ruf nach Frieden, nach Solidarität und Menschlichkeit muss lauter werden. Doch es braucht in der katholischen Kirche mindestens genauso dringend eine Veränderung in der starren hierarchischen Struktur. Beides muss Hand in Hand gehen. Das eine nicht ohne das andere.

Geht es wirklich nur um das persönliche Wohlergehen?

Erst, wenn Laien in der Kirche wirklich als wertgeschätzte, unverzichtbare und anerkannte Mitarbeiter agieren können, werden sich auch wieder mehr Ehrenamtliche finden, die gerne mitmachen – weil es auch um ihre Kirche geht. Dann könnte es wieder leichter fallen, in der Öffentlichkeit über Glauben zu sprechen. Denn wer eine sinnvolle und verantwortungsvolle Aufgabe findet, hat auch Kraft und Lust zur Mitarbeit. Wer motiviert ist, findet Zeit fürs Engagement.

Sinn seines Lebens ist es, glücklich zu sein, sagte kürzlich ein 18-Jähriger bei einer Diskussion über Arbeitszeitmodelle der Zukunft. Eine Antwort, die einen frösteln lässt. Ist das wirklich das anzustrebende Ziel? Wenn sich jeder nur um sein eigenes Wohlergehen kümmert? Die Gesellschaft muss beginnen, einen sozialen Zusammenhalt zu entwickeln. Ein Zusammenhalt, der die Schwachen stützt und die besten Seiten der Starken zum Glänzen bringt. So gesehen ist Deutschland ein Entwicklungsland. Eines mit einer Mission. Ein Missionsland. 

In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

Anzeige