GESELLSCHAFT

Freiheit braucht Regeln, doch der Trend geht zum Wilden Westen

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Ohne Gesetze keine freiheitliche Gesellschaft – dieser Grundsatz scheint nicht für die Mächtigen zu gelten. Eine besorgniserregende Entwicklung.

Sind einige freier als andere? Jedenfalls ist es nicht weit hergeholt, dass es so scheint. Immer häufiger haben wir den Eindruck: Dreistigkeit setzt sich durch. Wer über genügend Macht verfügt, scheint sich über Regeln hinwegsetzen zu können, während andere an sie gebunden bleiben.

Ausnahmen können angebracht sein

Kürzlich bat Donald Trump den FIFA-Präsidenten, die Rotsperre des US-Topscorers Folarin Balogun aufzuheben. Eigentlich sprechen die Regeln des Spiels eine klare Sprache: Wer nach einer roten Karte gesperrt ist, kann beim nächsten Spiel nicht antreten. Doch was soll schon so schlimm daran sein, dem Gastgeberland hier eine kleine Ausnahme zu gönnen?

In der Tat ist es aus moralischer Sicht manchmal angebracht, fünfe gerade sein zu lassen. Regelbasierter Rigorismus kann zwanghaft und unterdrückerisch wirken. Nicht jede Ausnahmeregelung ist deshalb verwerflich. Es gibt Situationen, in denen Menschlichkeit wichtiger ist als das starre Festhalten an Vorschriften. Doch genau deshalb müssen Ausnahmen immer begründet bleiben und dürfen schon gar nicht von Macht oder Einfluss abhängen.

Durch Regeln entsteht Vertrauen

Der Autor:
Johannes Lorenz ist Studienleiter für Philosophie und Theologie im Haus am Dom Frankfurt.

Denn ohne das Einhalten von Regeln, auf die sich eine Gemeinschaft – in diesem Fall die Fußball-Community – verständigt hat, kann Freiheit nicht verwirklicht werden. Freiheit lebt vielmehr davon, dass sich alle auf gemeinsame Spielregeln verlassen können. Erst dort, wo Regeln für alle gleich gelten, entsteht Vertrauen, was die Grundlage für ein freies Zusammenleben bildet.

Je mehr wir in eine weltpolitische Lage geraten, in der die regelbasierte Ordnung einzig und allein deshalb aufgehoben wird, weil man es kann, desto mehr regiert das Gesetz des Wilden Westens. Und dieses Gesetz ist nicht wirklich ein Gesetz. Es ist schlicht die Durchsetzung desjenigen, der die meisten Muskeln hat.

Gefährlicher politischer Trend

Wenn sich dieser politische Trend weiter durchsetzen wird, bleibt denjenigen, die sich verraten fühlen, nichts anderes übrig, als selbst Stärke jenseits des Gesetzes zu entwickeln.

Was die Konsequenzen daraus sein werden, kann sich jeder denken: offene Machtkämpfe, Krieg, Unterdrückung, Sklaverei. Wer darauf pfeift, dass Regeln wichtig und gut sind, pfeift letztlich auch darauf, wie es mit der Welt weitergeht. Die völkerverständigende Kraft des Fußballs bleibt deshalb hohles Geschwätz, solange die Regeln, an die sich alle halten sollen, nicht respektiert werden.

In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbstgewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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