FRIEDHOFSKULTUR

Die Asche eines geliebten Menschen auf dem Kaminsims - bedenklich!

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Die Friedhofskultur verändert sich massiv. Abschied wird zur Privatsache. Keine gute Idee, sagt Journalistin Claudia Möllers.

Ob das die große Freiheit verspricht, was in Rheinland-Pfalz zum 1. Oktober eingeführt wird? Ein neues Bestattungsgesetz erlaubt, die Asche des Verstorbenen mit nach Hause zu nehmen und auf den Kaminsims zu stellen. Auch zum Schmuckstück darf Oma Lisbeth oder der geliebte Ehemann in dem von SPD, Grünen und FDP regierten Bundesland umgearbeitet werden.

Die Friedhofskultur wird zu Grabe getragen. Das sieht jeder, der sich auf kommunalen oder kirchlichen Gräberfeldern umschaut. Die Zahl der Erdbestattungen geht dramatisch zurück, Urnenbestattungen machen mehr als 70 Prozent aus. In Folge sehen viele Gottesäcker armselig aus. Zwischen alten Familiengräbern klaffen Lücken von eingeebneten Ruhestätten. Daneben ungepflegte Grabstätten, um die sich keiner mehr sorgt oder kümmern kann, weil die letzten Angehörigen weit entfernt leben.

Abschied wird zur Privatsache – bedenklich

Die Autorin
Claudia Möllers stammt aus Münster und wuchs im Münsterland auf. Ihre journalistische Ausbildung absolvierte sie in den Achtzigerjahren bei „Kirche+Leben“. Im Anschluss arbeitete sie in der Bischöflichen Pressestelle Münster. Seit 35 Jahren gehört sie zur Redaktion des „Münchner Merkur“, wo sie Autorin in der Politik-Redaktion ist und auch Kirchenthemen bearbeitet.

Nicht selten ist es eine Frage des Geldes, ob nach dem Tod eine teure Erdbestattung noch drinsitzt. Viele ältere Menschen wollen nach ihrem Tod ihren Kindern nicht die Grabpflege aufbürden. Wieder andere wünschen sich aus ideologischen oder ökologischen Gründen eine Beisetzung in einem Friedwald. Es gibt viele, auch gute Gründe, die Friedhofskultur zu ändern.

Doch den Abschied in den Privatbereich zu entlassen, ist eine bedenkliche Entwicklung. Den geliebten Menschen als Klunker um den Hals zu tragen, ist mehr als eine Frage des Geschmacks. Es ist schamlos. Der Umgang mit und der Respekt vor den Verstorbenen sagen auch etwas über unsere Haltung zur Würde des Menschen aus. Die Urne im Wohnzimmer ist ein unpassender Ort für die letzte Ruhestätte. Allein die Vorstellung, dass die Asche jede Woche beim Staubputzen durcheinandergeschüttelt wird, ist grausig.

Friedhöfe als Plätze der Begegnung

Friedhöfe sind öffentliche Orte der Trauer. Sie ermöglichen entfernten Verwandten und alten Freunden, zum Grab des Toten zu gehen. Die Namen der Verstorbenen bleiben in der Welt. Friedhöfe können Plätze der Begegnung sein. Wo Menschen, die in der Trauer verbunden sind, ins Gespräch kommen können. 

Wie wunderbar ist die Idee, an Friedhöfen Häuser für Trauernde zu bauen. Wie in München am Ostfriedhof, mit Café und Begegnungszentrum für die Hinterbliebenen. Wo man Ansprechpartner findet, wenn man mit dem Verlust des geliebten Menschen nicht fertig wird oder vereinsamt. Statt den Tod ins Privatleben zu verbannen, sollte man den Umgang mit Tod und Sterben zurück ins öffentliche Bewusstsein holen. Das dient der Erinnerung an die Verstorbenen, die so ihren Platz im Leben behalten.

In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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