„Im Grunde immer Pfarrer geblieben“

Friedrich Ostermann vor 25 Jahren zum Bischof geweiht

Am 3. September 2006 feiert Friedrich Ostermann das Jubiläum seiner Bischofsweihe vor 25 Jahren. Als Regionalbischof für die Regionen Münster und Warendorf hat er jederzeit die Nähe der Menschen gesucht, Interesse und Verständnis für ihre Sorgen und Freuden gefunden. In „Kirche-und-Leben.de“ gibt er aus Anlass seines Weihejubiläums einen Rückblick auf die vergangenen 25 Jahre, seine Arbeit im Bistum und in der Bischofskonferenz.

„Jede Versetzung war eine Überraschung, die mich gereizt hat“

Ein Priester, der das Konzentrationslager überlebt hatte, gab ihm und seinen Studienkollegen einen Rat: „Lasst euch lieber vom Bischof versetzen, als dass ihr um eine Versetzung bittet.“ Diesen Rat hat Friedrich Ostermann bis heute befolgt. „Jede Versetzung war für mich eine Überraschung und eine Herausforderung, die mich gereizt hat und der ich mich gestellt habe.“

Nach seiner Priesterweihe im Jahr 1958 kam er zunächst in die Gemeinde Herz Jesu in Hamm/Bockum-Hövel, war dann vier Jahre Kaplan in St. Marien Emsdetten, fünf Jahre in St. Laurentius Senden, knapp zwei Jahre in St. Clemens Telgte und schließlich zwölf Jahre lang Pfarrer in der Gemeinde Herz Jesu in Rheine. „Ich glaube, dass ich daran gereift bin“, sagt Ostermann. „Denn sonst entdeckst du gar nicht deine Möglichkeiten. Du weißt gar nicht, was du kannst.“

Bischofsweihe „mit schlotternden Knien“

Einer weiteren Herausforderung stellte er sich vor 25 Jahren – wenn auch „mit schlotternden Knien“, wie er damals sagte. Am 13. September 1981 weihte Bischof Reinhard Lettmann den damals 49-Jährigen im münsterschen St.-Paulus-Dom zum Bischof. Ein bisschen Wehmut schwang mit, erinnert sich Ostermann. „Es war ein großes Problem, dass ich nicht mehr die Vertrautheit der Gemeinde hatte. Als Pfarrer ist man bedeutend näher bei den Menschen, bei ihren Freuden und Sorgen.“

Doch auch als Bischof für die Regionen Münster und Warendorf sorgte er dafür, dass ihm die Menschen nicht fremd wurden. Bei seinen Besuchen in den Gemeinden habe er „Zeiten intensiver Begegnung“ erlebt: „Ich habe mich immer gefreut, bei Visitationen ganze Tage in Gemeinden sein zu können. Da war ich ein bisschen in meinem Milieu.“ Gespräche mit Menschen, Treffen mit Firmlingen: Berührungsängste gegenüber dem Weihbischof waren „in der Regel ganz schnell abgebaut“, sagt Ostermann. „Im Grunde bin ich immer Pfarrer geblieben.“

Nach dem Krieg Aufräumdienst am Dom

Weihbischof Ostermann beim Gottesdienst zur „Solitur“ mit Jugendlichen in Warendorf im Juni 2007. | Foto: Michael Bönte
Weihbischof Ostermann beim Gottesdienst zur „Solitur“ mit Jugendlichen in Warendorf im Juni 2007. | Foto: Michael Bönte

Friedrich Ostermann wurde 1932 in Münster geboren. In seiner Heimatpfarrei St. Martini war er zu Hause. Nach dem Krieg – im Sommer 1945 – wurde er zu Aufräumdiensten einmal wöchentlich zum Dom beordert. Dabei habe er gelernt, nicht hilflos vor einem Berg Arbeit zu stehen, sondern einfach zuzupacken. „Nur dann wird es weniger.“

Auch die Weihe des wieder aufgebauten Doms sei für ihn ein wichtiges Ereignis gewesen. Als Zeremoniar hat er dann die liturgischen Dienste für die Hauptkirche des Bistums aufgrund alter liturgischer Ordnungen dem neu gestalteten Dom angepasst. „Das hat mich mit dem Dom sehr verbunden“, sagt Ostermann. Wenn er in den Dom gehe, sei er kein gewöhnlicher Besucher. „Vieles ist mit Geschichte und Erinnerung verbunden, auch mit meiner eigenen Glaubens- und Lebensgeschichte.“

Berufswunsch: Straßen- oder Brückenbauingenieur

Sein Abitur machte er 1952 am Gymnasium Paulinum in Münster. Die Entscheidung, Priester zu werden, sei jedoch erst während des Theologiestudiums gereift – mithilfe von Freunden, dem Lesen von Quellentexten und dem geistlichen Leben im Borromaeum. Ursprünglich wollte er Straßen- oder Brückenbauingenieur werden. „Die Erfahrung des Krieges hat mir zu denken gegeben.“

Die Erfahrung von Grausamkeit und Gewalt, der Tod seiner Schwester und die Erfahrung, „dass ein Leben ohne Gott ins Chaos führt“, seien Momente gewesen, die ihn sehr nachdenklich gemacht hätten: „In mir reifte mehr und mehr der Wunsch, mich dafür einzusetzen, dass Menschen zu Gott finden.“ Ein Anliegen, das er auch als Weihbischof ständig weiter verfolgt. „Was können wir tun, damit mehr Menschen in die Kirche kommen?“, wird er bei den Visitationen in den Gemeinden immer wieder gefragt. „Was können wir tun, damit die Frohe Botschaft die Menschen heute erreicht?“, lautet seine Gegenfrage.

Ostermann: Kirche muss aufmerksamer werden

Eine Antwort darauf hat er, eine Lösung ist es nicht. „Im Arbeits- und Freizeitstress der modernen Welt haben wir keine Zeit für uns selbst, für die anderen Menschen und für Gott. Wir werden in einen Strudel gezogen“, sagt Ostermann. Das könne auch die Kirche nicht ändern. Sie könne nur aufmerksamer werden für alle, die aus diesem Strudel heraus wollen.

„Kirche kann Orte anbieten, Oasen der Stille und Besinnung, damit Menschen zu sich selbst kommen können.“ Dabei müssten alle Christen Verantwortung tragen, denn gerade im Hinblick auf Glaubensfragen hätten persönliche Begegnungen eine große Bedeutung.

„Der eigentliche Auftrag der Kirche ist, den Menschen zu helfen“

Daran habe sich während der vergangenen 25 Jahre nichts geändert. „Das Thema Entfremdung von Kirche und Gott hat die Menschen in Pfarrgemeinderäten immer beschäftigt.“ Aber auch der Zölibat, der Umgang der Kirche mit Geschiedenen und geschiedenen Wiederverheirateten sowie die Frage nach Gemeinde-Kooperationen seien immer wieder Themen bei den Visitationen gewesen. Bei all diesen Fragen habe er „immer auf den Kern hingewiesen“, sagt Ostermann. „Der eigentliche Auftrag der Kirche ist, den Menschen zu helfen, dass sie in eine lebendige Beziehung zu Gott und den Nächsten kommen.“

Ein Auftrag, zu dem auch die Medien ihren Teil beitragen können. Als langjähriges Mitglied und seit 2001 auch Vorsitzender der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz hat sich Ostermann intensiv mit Filmen, Rundfunk, Zeitungen und dem Internet beschäftigt.

„Kirche muss in den Medien präsent sein, sonst ist sie nicht da“

Zwölf Jahre lang besuchte er die Berlinale, führte Gespräche mit den Intendanten der Rundfunkanstalten und brachte ein katholisches Internetportal mit auf den Weg. „Die Medien bieten die Chance, die Frohe Botschaft in die Öffentlichkeit zu bringen: durch Dokumentationen, Gottesdienstübertragungen oder gute Spielfilme“, sagt Ostermann.

Durch die Verleihung des katholischen Medienpreises oder die Ausbildung von Journalisten könne die Kirche auch indirekt Einfluss auf die Medien nehmen. „Das sind Brücken in die Öffentlichkeit“, sagt Ostermann. „Kirche muss in den Medien präsent sein, sonst ist sie nicht da.“ Präsent nicht nur in den Medien, auch in der Gesellschaft: Seit mehr als 20 Jahren engagiert er sich im Vorstand des Bundesverbands Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder, dessen Vorsitzender er acht Jahre lang war.

Heilig Abend mit Obdachlosen

„Ich halte es für so wichtig, dass wir bei der Förderung von Familienzentren weiterkommen.“ Wichtig sind ihm auch die Begegnungen mit Nichtsesshaften, mit denen er seit vielen Jahren in Münster den Heiligen Abend feiert. Manche Schicksale habe er erfahren, die hinter der Wohnungslosigkeit stecken. „Diesen Menschen sollte man offener begegnen.“

Als Leiter der Fachstelle Mission, Entwicklung, Frieden im Bischöflichen Generalvikariat pflegt er Kontakte mit Missionaren in aller Welt und setzt sich für den Ausbau der Diözesanpartnerschaften in Tula/Mexiko und in der Kirchenprovinz Tamale im Norden Ghanas ein. Eine seiner ersten Amtshandlungen in dieser Funktion, so erinnert er sich, war es, den Vertrag für die Partnerschaft mit Ghana zu unterzeichnen.

Weltkirche und Ökumene

Friedrich Ostermann beim Ökumenischen Gottesdienst zur Aussendung des Friedenslichts im Dezember 2007.
Friedrich Ostermann beim Ökumenischen Gottesdienst zur Aussendung des Friedenslichts im Dezember 2007.

Später folgte die Suche nach Gemeinden im Bistum Münster, die den Diözesen in Ghana helfen konnten, auf eigenen Beinen zu stehen. Neben der Förderung der politischen Bildung und der Unterstützung von Kleinbetrieben nennt er als Beispiel den Bau eines Pastoralzentrums, das sich zum „Peace-Center“ für ganz Ghana und darüber hinaus entwickelt hat. Fünf Zimmer im europäischen Standard und ein Restaurant außerhalb des „Peace-Centers“, das besonders auch für Touristen offen ist, ermöglichen 13 Angestellten einen Arbeitsplatz und dass dieses Zentrum ohne Zuschüsse arbeiten kann. „Die sollen nicht bei uns am Tropf hängen“, sagt Ostermann über diese Hilfe zur Selbsthilfe.

Eine Menge gelernt habe er als Vorsitzender der Ökumene-Kommission des Bistums: „Ich habe die Frömmigkeit der Protestanten näher kennen gelernt, die sehr schriftorientiert und Christus-orientiert ist, die mir aber auch deutlich machte, wie schwer es ist, zu einem gemeinsamen Amtsverständnis zu gelangen“, sagt Ostermann. Begeistert habe ihn „das unkomplizierte Miteinander mit den Superintendenten“. Er habe beobachtet, wie das Abendmahlsverständnis dem Eucharistieverständnis näher gerückt sei und dass bei den Protestanten Symbole und Riten an Bedeutung gewonnen hätten. „Und ich habe gesehen, wie sehr der Laie als Getaufter wahrgenommen wird.“

Ein „bescheidener“ Wunsch für die Zukunft

Einen „bescheidenen“ Wunsch hat der Jubilar für die Zukunft. Weiter auf den „Kern“ hinzuweisen, den eigentlichen Auftrag der Kirche: dass sich die Menschen mehr Zeit nehmen – für sich, für andere und für Gott. „Das möchte ich mehr und deutlicher herüberbringen“, sagt er: „Stille zu finden im Stress, Zeit zu haben für Gott“.