Josef Kraus, früherer Präsident des Lehrerverbandes, im Interview

Für die Schule lernen in den Ferien – muss das sein?

Gut die Hälfte aller schulpflichtigen Kinder lernt auch in den Ferien. Antreiber sind dabei oft die Eltern. Der langjährige Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, rät zu Gelassenheit.

In den Buchhandlungen stapelt sich Lernmaterial, Institute werben mit Lerncamps und Ferienworkshops. Pauken in den Ferien – muss das sein?

Josef Kraus: All diese Angebote sind tüchtige Geschäftemacherei. Für die allerwenigsten Schüler bringen sie etwas. Den Nutzen haben nur die Verlage und die Institute. Sie leben vom schlechten Gewissen und vom falschen Ehrgeiz der Eltern.

Wie wichtig sind Erholungsphasen für Kinder?

So wichtig wie die Lernzeit selbst! Die Erholungsphasen unserer Kinder sind ohnehin immer kürzer geworden. Nicht weil die Schule stressiger geworden wäre, sondern weil ein erheblicher Teil der jungen Leute jeden Tag ebenso lange digital unterwegs ist, wie Zeit für Schule aufgewendet wird. Von Erholung oder Ausgleich kann da keine Rede sein. Die Kinder sollen frisch aufgetankt ins neue Schuljahr starten können und nicht ausgepowert. Dieses Auftanken gelingt übrigens nicht durch Herumlungern oder durch Herumsurfen im Netz am besten, sondern durch Lesen und Sport.

Wenn das Lernen aber wirklich sein muss – wie kann es sinnvoll gestaltet werden?

Die Sommerferien dauern rund sechs Wochen. Die ersten vier Wochen sollten gänzlich frei von Lernen sein. Wer es nötig hat, der kann für die letzten zwei Wochen ein kleines Programm machen, zum Beispiel jeden Vormittag eineinhalb Stunden – je nach Bedarf. Und konzentriert auf maximal ein bis zwei Fächer. Da bleibt immer noch Zeit für Feriengefühle. Rundum-Programme bewirken eher das Gegenteil des Gewollten.

Haben Schüler nach den sechswöchigen Sommerferien denn vieles wieder vergessen?

Ja, teilweise schon, vor allem wenn es um Wissen geht, das nicht durch Wiederholen gefestigt ist, das also nur quasi von der Hand in den Mund ins Kurzzeitgedächtnis mitgenommen wurde. Schwierig wird es, wenn dieses Wissen Grundlage für kommende Schuljahre ist. Zum Beispiel in Mathematik. Oder wenn es um den Wortschatz in einer Fremdsprache geht. Der Wortschatz ist ein „Schatz“, der immer wieder gebraucht wird, der also im Langzeitgedächtnis gespeichert sein muss.

Woher kommt die Angst vieler Eltern, die Kinder könnten nicht gut genug aufgestellt sein?

Das kommt von dem dümmlichen Gerede, dass der junge Mensch nur dann eine Chance im globalen Haifischbecken bekomme, wenn er Abitur, Bachelor und Master habe. Das ist aber Quatsch, auch wenn er von der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), der Bertelsmann-Stiftung oder aus dem Munde schlauer Bildungsexperten kommt. Der Mensch beginnt nicht mit dem Abitur. Und wenn es mal mit der Schule nicht so läuft, sollten Eltern daran denken, dass selbst mancher Sitzenbleiber in höchste Ämter kam. Eltern sollten mit den Kindern zusammen erforschen, was sich in deren Lern- und Arbeitsverhalten ändern muss.

Was raten Sie Eltern, die sich zu sehr engagieren?

Bleibt cool und gelassen! Verlangt nichts von euren Kindern, was ihr selbst nicht gewollt hättet! Eure Kinder haben ein Recht darauf, Schule mal wenigstens vier Wochen Schule sein zu lassen. Macht in diesen Wochen, die ja auch eure eigenen Urlaubszeiten sein sollten, mit euren Kinder aktive Erholung. Erholung! Nicht Urlaubsstress! Lebt euren Kindern vor, was Muse und Muße ist.