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Verzicht kann „Türöffner für gelingenden Weg durch die Pandemie“ sein

Für Pierre Stutz macht Fasten auch in der Corona-Entbehrung Sinn

  • Der bekannte Theologe und Buchautor Pierre Stutz sieht in der Fastenzeit eine Möglichkeit, die Freude an Entbehrtem wiederzufinden.
  • Damit könne sie auch den Verzicht auf viele Dinge in der Corona-Zeit positiv erfahrbar machen.
  • Die Langeweile des Lockdowns darf in seinen Augen nicht als Stillstand gesehen werden.
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Lockdown – kein Shoppen, kein Feiern, keine Reisen. Und dann auch noch Fasten? Durch den Verzicht in der Pandemiezeit auf Liebgewonnenes ist eine geringere Bereitschaft zur Entbehrung in der Fastenzeit nachvollziehbar. Prüfsteine gab es in den vergangenen Monaten genug - warum sich jetzt noch mehr einschränken? Der Theologe und Buchautor Pierre Stutz sieht das anders: „Das Fasten passt ganz hervorragend in diese Zeit.“

Die meisten Menschen leiden derzeit unter der Situation, dass ihr gewohnter Bewegungsradius und ihr Lebensrhythmus stark eingeschränkt sind. Es entsteht Langeweile. „Und davor haben viele eine panische Angst“, sagt Stutz. Es ist ein unpopulärer Zustand, eine Situation, die mit dem Verlust von gesellschaftlich akzeptierter Betriebsamkeit und Agilität verbunden wird. „Dagegen kann es doch eine Chance sein, eine andere Lebensqualität zu finden.“

Der Lockdown darf nerven

Stutz will die Sorgen und Ängste im Lockdown nicht kleinreden. „Es ist für viele unglaublich belastend und darf nerven“, sagt er. Auch ihn nervt es. „Ich würde so gern einmal wieder ins Kino gehen oder in geselliger Runde zusammensitzen.“ Für den 67-Jährigen ist es aber entscheidend, in den Gedanken des Verlustes nicht stehen zu bleiben, sondern gerade jetzt darauf zu schauen, was trotzdem alles möglich ist. „Wir sollten nicht in die Falle tappen und glauben, dass wir nur noch ohnmächtig sind.“

Denn Langeweile bedeutet in seinen Augen alles andere als Stillstand. „Das hieße, bewegungslos bei der Mühsal dieser Zeit stehen zu bleiben.“ Er findet ein griffiges Bild: „Wenn nichts mehr geht, dann gehe ich.“ Wenn also all die Dinge, die den Menschen sonst beschäftigen und fordern, derzeit unmöglich sind, dann kann er andere Dinge suchen und finden. Und die sind nach seinen Erfahrungen häufig viel näher an den eigentlichen Bedürfnissen als erwartet.

Aus dem Hamsterrad heraus

Denn es sind Erlebnisse, deren Wohltat viele Menschen verlernt haben zu spüren, sagt Stutz. Jene Dinge, die in der Ruhelosigkeit des Alltags keinen Raum bekommen. „Es geht darum, das für uns Selbstverständliche wieder zu entdecken und zu genießen.“ Genau darin zieht er die Parallele zur Fastenzeit. „Der Verzicht auf etwas bedeutet dann nicht einen Verlust, sondern die Möglichkeit, die Freude an dem Entbehrten wiederzufinden.“ Im „Hamsterrad der Corona-Zeit“ könne ein bewusster Weg durch die Fastenzeit damit helfen, „nicht ständig auf das Licht am Ende des Tunnels zu warten, sondern den Tunnel etwas heller zu machen“.
 
Aber worauf verzichten, wenn Dinge, auf die verzichtet werden kann, durch Pandemie-Maßnahmen erst gar nicht möglich sind? „Den derzeitigen Verzicht annehmen“, sagt Stutz. „Und damit wieder Geschmack an dem Entbehrten finden.“ Das Erleben der Fastenzeit könne damit zu einem Türöffner für einen gelingenden Weg durch die Schwere der Pandemie werden. Auch wenn es nur ganz kleine Momente sind: „Die Treppe nehmen anstatt dem Fahrstuhl, am Schreibtisch eine Minute die Augen schließen und stillsitzen, im Wald einen Baum umarmen…“

Bis in die Zehenspitzen genießen

Dabei stoße man automatisch auf Dinge, die plötzlich an Geschmack gewinnen, ist sich Stutz sicher. Nicht beim Shoppen, nicht auf der Feier, nicht auf Reisen – sondern dort, wo es jetzt gerade möglich ist. Im direkten Umfeld, im Kleinen, im Corona-Alltäglichen. „Jeder findet da seine Kraftquelle – Malen, die Urlaubsfotos einkleben, Zeit nehmen zum Kochen, Schwitzen auf dem Mountainbike…“ Es gelte dann, diese Momente „bis in die Zehenspitzen“ zu genießen. Auch und gerade in der Fastenzeit.

Pierre Stutz ist katholischer Theologe und erfolgreicher Buchautor. Die Bücher des gebürtigen Schweizers sind über eine Million Mal verkauft und in sechs Sprachen übersetzt worden. Seit 18 Jahren lebt er in Osnabrück. Der 67-Jährige ist als Referent und spiritueller Lehrer aktiv. Seine Schwerpunkte sind die Themen Achtsamkeit, innere Versöhnung und der eigene spirituellen Weg: www.pierrestutz.ch

Sein aktuelles Buch erschien Anfang Februar 2021 und trägt den Titel „Menschlichkeit JETZT!“. Es beschäftigt sich mit dem Zusammenleben verschiedener Kulturen über die Grenzen von Weltanschauungen hinweg. Sie können es hier bequem direkt bestellen.

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