STREITKULTUR

Die Meinung des anderen retten

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Es scheint schwierig zu diskutieren, ohne auszugrenzen. Diözesan-Administrator Antonius Hamers wirbt dafür, die Meinung Andersdenkender auszuhalten.

In jedem Menschen begegnet mir Christus. Und: Jeder Mensch hat eine unverlierbare Würde, weil jeder Mensch Gottes Ebenbild ist. Das sind die Grundlagen jeglicher Kommunikation – christlich verstanden. 

Bereits zu Beginn des Christentums gab es – mitunter – heftige Auseinandersetzungen darüber, wie das Evangelium, wie die Botschaft Jesu, zu verstehen und zu leben ist. Die Apostelgeschichte berichtet von mannigfachen Diskussionen und Streitereien – und davon, wie sie gelöst werden. Meinungen werden ausgetauscht, abgewogen, diskutiert, Kompromisse werden gesucht und geschlossen. Das erste Apostelkonzil ist dafür ein gutes Beispiel. Die Kirche hat so gelernt, unterschiedliche Meinungen zuzulassen und auszuhalten. 

Mehr Klugheit!

Der Autor
Antonius Hamers leitet seit März 2025 als Diözesan-Administrator das Bistum Münster, bis ein neuer Bischof eingeführt ist. Zudem steht er seit 2014 an der Spitze des Katholischen Büros, der Vertretung der fünf NRW-Bistümer bei Landtag und Landesregierung in Düsseldorf. Der 1969 geborene Sauerländer ist promovierter Jurist, seit 2008 Priester des Bistums Münster, seit 2020 Domkapitular am Paulusdom.

Ein Beispiel: Im 17. Jahrhundert stritten Dominikaner und Jesuiten unerbittlich im so genannten Gnadenstreit um die Frage, wie göttliche Gnade und menschliche Freiheit zusammenwirken. Man sprach sich gegenseitig die Rechtgläubigkeit ab und bekämpfte sich heftig. Papst Paul V. traf daraufhin ein salomonisches Urteil, indem er entschied, dass weder die eine noch die andere Meinung verurteilt werden darf. 

Von dieser Klugheit wünsche ich mir mehr angesichts mancher aktueller kirchlicher, gesellschaftlicher oder politischer Diskussionen. Es gibt in den Auseinandersetzungen auch unserer Zeit nicht nur schwarz und weiß, es gibt viel mehr Grautöne – auch in den unterschiedlichen Haltungen. Das heißt nicht, dass ich jede Intoleranz, jede Diffamierung oder Diskreditierung klaglos ertragen muss. 

Kritisieren ohne auszugrenzen

Christlich verstanden setzt jede Kommunikation - wie zu Beginn erwähnt - voraus, dass ich die Würde des anderen respektiere. Erst dann kann ich die Meinung des anderen zu retten versuchen - wie es der heilige Ignatius von Loyola schreibt. Vielfalt – auch die von Meinungen – muss dann geduldet und ertragen werden – um der Würde des anderen willen. Das wiederum erfordert einen positiven Blick auf den anderen – und die Annahme, dass auch der andere Recht haben könnte. Das bedingt, dass ich mich mit der Meinung des anderen intensiv auseinandersetze und nicht bloßen Klischees aufsitze oder irgendwelchen Narrativen nachlaufe. Auch das gehört zur intellektuellen Redlichkeit. 

Dann wiederum darf ich kritisieren und für meinen Standpunkt werben – argumentativ, konstruktiv, ohne Gewalt oder Ausgrenzung. Für einen solchen würdigen, respektvollen Umgang, für Toleranz und Vielfalt setzen wir uns im Bistum Münster ein – aktuell mit unserer Demokratiekampagne „Mensch! Lebe Freiheit!“ – deine eigene und die des anderen.

In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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