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Es gebe ein „Problem im Stadtbild“, sagt Friedrich Merz. Jochen Reidegeld hat ein Problem mit dieser Äußerung – und sagt dem Kanzler deutlich, warum.
Es ist richtig, Probleme in der Migrationspolitik beim Namen zu nennen. Ja, es gab in der Vergangenheit Tabuisierungen – gut gemeint, aber in ihrer Wirkung für die Integration äußerst schädlich. Zu schnell wurden Menschen, die kritische Rückfragen zur Migrationspolitik stellten, als „rechts“ gebrandmarkt. Ja, ungeregelte und illegale Einwanderung hat Sorgen ausgelöst, die man ernst nehmen muss. Maßnahmen gegen Missbrauch des Sozialsystems? Gehören auf den Tisch.
Aber die Grenze verläuft dort, wo berechtigte Kritik zur Pauschalisierung wird. Genau die überschreiten Sie, Herr Bundeskanzler. Wenn Sie das „Problem im Stadtbild“ so undifferenziert benennen ohne klarzustellen, was Sie damit meinen und was nicht, dann erzeugen Sie ein Bild, das Millionen Menschen trifft, die Sie gar nicht meinen. Diese Menschen werden zu Ihrem verbalem Kollateralschaden. So zerstören Sie gewachsene Integration, so entfremden Sie Bürgerinnen und Bürger, die dieses Land längst tragen – beruflich, zivilgesellschaftlich, kulturell.
Wir schaffen das nur gemeinsam
Der Autor
Jochen Reidegeld ist Priester des Bistums Münster.
Mich empört Ihre Äußerung deshalb so sehr, weil ich dabei ganz konkrete Personen vor Augen habe, die ich schätze und die ich liebe. Und ich lasse nicht zu, dass diese Frauen und Männer unwidersprochen zu einem Kollateralschaden Ihrer Äußerungen werden.
Deshalb melde ich mich zu Wort. Nicht, um Probleme schönzureden – sondern, weil wir die ohne Zweifel großen Herausforderungen unseres Landes nur gemeinsam lösen werden: Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Wir schaffen das nur, wenn uns ein gemeinsames, positives Ziel leitet. Menschen brauchen Ideen und Persönlichkeiten, hinter denen sie sich versammeln können – die sie begeistern, die Mut machen, unser Gemeinwesen aktiv mitzugestalten, anstatt sich in Resignation oder Hass zurückzuziehen.
Gräben zuschütten
Genau diese positive Vision, wie wir die deutsche Gesellschaft gemeinsam gestalten wollen, vermisse ich von Ihrer Regierung. Neben vielen guten und notwendigen Maßnahmen fehlt der große Gedanke, der über das Tagesgeschäft hinausweist – eine Leitidee, die Orientierung gibt, die begeistert und motiviert, die die gesellschaftlichen Gräben zuschüttet und unser Land voranbringt. Nicht nur wirtschaftlich, sondern vor allem in seinem inneren Klima, in seiner Haltung zueinander.