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Auch wenn die Zahlen zurückgehen - es gibt einen Hunger nach Gott. Sagt zumindest Blogger und Priester Jan Wilhelm Witte im Gastkommentar. Und nun?
Wer auf die Kirchen in Deutschland schaut, sieht oft nur Schrumpfen: Austritte, weniger Taufen, zusammengelegte Pfarreien. Das ist real. Aber es ist nicht das ganze Bild. Was die Statistik gut misst, ist der Verlust der Institution. Was sie kaum sieht, ist der Hunger nach Gott, der gerade entsteht.
Er kommt leise daher. Viele gehen nicht mehr selbstverständlich in die klassische Gemeinde, sondern suchen kleinere Gemeinschaften, liturgisch geprägte Kreise, stille Orte, offene Projekte oder auch digitale Formate. Manches wirkt wie ein Fleckenteppich. Ich halte das nicht für Zufall, sondern für eine Suchbewegung. Glauben ist nicht mehr Gewohnheit, sondern Entscheidung. Und was bewusst gewählt wird, hat oft mehr Tiefe als das, was man einfach mitmacht.
Halt, Wahrheit, Trost
Der Autor:
Jan Wilhelm Witte ist Priester des Bistums Osnabrück und Pfarrer in vier Gemeinden, zuvor hat er sich zum Fleischermeister und Betriebswirt weitergebildet. Außerdem ist er Vorsitzender des Vereins für heilpädagogische Hilfe Bersenbrück e. V.. und engagierte sich in der Kommunalpolitik. In einem eigenen Blog kommentiert er Entwicklungen in Gesellschaft, Politik und Kirche.
Politisch kennen wir dieses Muster. Wenn die großen Apparate an Vertrauen verlieren, entstehen kleine, bewegliche Formen. Das sieht man in Initiativen vor Ort, aber auch in Parteien, Vereinen, Medien. Menschen wollen weniger Sitzungen und mehr Sinn. Sie wollen nicht dauernd betreut werden, sie wollen ernst genommen werden. Das gilt auch religiös.
Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, wie die Kirche wieder groß wird. Die Frage ist, ob sie geistlich bleibt. In den letzten Jahren haben wir viel Energie in Struktur, Macht und innerkirchliche Politik gesteckt. Auch der Synodale Weg hat Wichtiges benannt. Nur: Wer dauernd um sich selbst kreist, verliert Gott aus dem Blick. Viele, gerade Jüngere, sind davon müde. Sie suchen keine weitere Reformagenda. Sie suchen Halt, Wahrheit, Ruhe, Trost. Also genau das, wofür die Kirche da ist.
Worauf es ankommt
Darum braucht es eine Kirche, die wieder schlicht und verständlich sagt, woran sie glaubt, und warum. Nicht aggressiv, nicht geschniegelt, sondern ruhig. Tradition ist kein Museum, wenn sie zur Quelle wird. Und Moderne ist kein Feind, wenn Christus in der Mitte steht.
Vielleicht wird die Kirche kleiner. Na und? Entscheidend ist, dass sie klarer wird: Orte schaffen, an denen man beten kann, Gemeinschaft findet und das Evangelium nicht wie ein Thema, sondern wir eine Wirklichkeit erlebt. Dann hat sie Zukunft. Nicht trotz, sondern gerade in dieser Zeit. Und ja: Ohne sich zu schämen, dürfen Menschen heute gern katholisch sein. Nicht als Kampfansage, sondern als Einladung: freundlich, fest und frei. Für viele ist das neu.
In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.