WISSENSCHAFT

Macht ist nicht gleich Macht – auch in der Kirche

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Macht ist weder an sich schlecht noch an sich gut. Es kommt deshalb darauf an, sie genau zu analysieren, meint Theologe Jochen Sautermeister.

Es gibt keine machtfreien Räume, wenn man unter Macht die Möglichkeit des Gestaltens und der Einflussnahme auf andere Menschen versteht. Die Soziologie lehrt uns: Ohne Macht wäre kein zwischenmenschliches Handeln, kein Zusammenleben in Gruppen und Gemeinschaften, kein Funktionieren von Organisationen und Institutionen möglich. Ohne Machtverhältnisse gäbe es sogar keine Organisationen und Institutionen.

Da auch die Kirche eine Institution ist, kann es Kirche ohne Macht überhaupt nicht geben. Daran ändern auch alle Versuche nichts, Macht als Vollmacht oder Dienst umzudefinieren, um dem Negativimage von Macht entgegenzutreten. Wenn man Macht jedoch grundsätzlich als schlecht ansieht oder ignoriert, besteht keine Möglichkeit der Unterscheidung.

Machtkritische Unterscheidungen

Der Autor:
Jochen Sautermeister ist Professor für Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn.

Macht ist nicht gleich Macht. Macht ist nicht per se schlecht, sie ist ambivalent. Man kann Macht im Guten wie im Schlechten ausüben. Es kommt also darauf an, wie man mit der Macht, die man hat, umgeht und wie man sie in zwischenmenschlichen Beziehungen und Institutionen einsetzt.

Deshalb ist der Umgang mit Macht moralisch nicht neutral. Es bedarf machtkritischer Unterscheidungen, um nicht alles unter den Vorwurf von Machtmissbrauch zu stellen, was einem nicht passt; aber auch, um Machtausübung nicht pauschal als Machtmissbrauch zu kritisieren. Das gilt ebenso für zwischenmenschliche Beziehungen, in denen Machtdynamiken normal und unvermeidbar sind.

Problematische Machtverstrickungen

Das unbewusste Zusammenspiel von Machtdynamiken in Beziehungen kann zur Folge haben, dass problematische Formen der Machtausübung oder gar Machtmissbrauch von den Beteiligten nicht wahrgenommen werden. Solche Machtverstrickungen sind in zwischenmenschlichen Beziehungen nicht unüblich. Solange sie nicht durchschaut werden, kann man daran auch nichts ändern. Wenn jedoch Machtverstrickungen gezielt hergestellt und genutzt werden, dann liegt Machtmissbrauch vor.

Drei typische Konstellationen machtmissbräuchlicher Verstrickungen, aus denen Loyalitäts- und Folgsamkeitserwartungen erwachsen können, seien genannt: (1) die Machtdynamik von Hilfeleistung und (geschuldeter) Dankbarkeit, (2) die Machtdynamik von Begünstigung und (geschuldeter) Gegenleistung, (3) die Machtdynamik von Nachsichtigkeit gegenüber Verfehlungen und (erpresstem) Gehorsam.

Wer sich aus solchen Verstrickungen und Abhängigkeitsverhältnissen lösen möchte, zahlt einen mitunter einen hohen Preis.

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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