KONZIL

Christsein bedeutet, berührbar und resonanzfähig zu sein

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1965 hat das Konzil „Gaudium et spes“ verabschiedet. Weltflucht ist daher keine christliche Option. Wozu Jochen Sautermeister nachdrücklich mahnt.

„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen ihrer Zeit, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände“ (GS 1).

Mit diesen Sätzen haben die Konzilsväter vor 60 Jahren in der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ ihre Ausführungen zum Verhältnis der Kirche zu Welt, Kultur und Gesellschaft eröffnet. Damit das Zweite Vatikanische Konzil das Selbstverständnis formuliert, das den Weg der katholischen Kirche in die Moderne freigemacht hat.

Die Angst vor Welterfahrungen

Der Autor:
Jochen Sautermeister ist Professor für Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn.

Dieser Aufschlag betont auf eindringliche Weise die existenzielle Gemeinsamkeit aller Menschen. Auch die Gläubigen sind diesen Befindlichkeiten nicht enthoben. Der christliche Glaube hat gerade nichts mit Weltflucht oder Weltimmunisierung zu tun. 

Spirituelle Einstellungen, religiöse Praktiken und sittliche Überzeugung, die darauf abzielen, stellen im Grunde genommen Selbstimmunisierungsstrategie dar. Anstatt sich in eine Resonanzbeziehung mit der Welt zu begeben und gerade darin sich als Mensch zu erfahren, sollen offene Begegnungen und Erfahrungsräume vermieden werden. Wie auch immer vor sich selbst begründet, steht dahinter die Angst, den Welterfahrungen nicht gewachsen zu sein.

Woran sich die Kirche messen lassen muss

Irritationsresistenz als Absicherungsstrategie gegen Verunsicherung durch Erfahrung hatte das Konzil also nicht vor Augen. Mit dem pastoraltheologischen Grundsatz „Die Wirklichkeit steht über der Idee“ hat Papst Franziskus diesen Aufschlag von „Gaudium et spes“ aufgenommen. Es verwundert daher nicht, dass sich gerade diejenigen an Franziskus gerieben oder dem Papst offen widersprochen haben, die die Kirche vor einer Resonanzbeziehung mit Welt, Kultur und Gesellschaft bewahren wollten. Christsein bedeutet aber, berührbar und resonanzfähig zu sein. 

Alles, was wahrhaft menschlich ist, hat im Erfahrungsraum des christlichen Glaubens seinen Platz. Das Zweite Vatikanum hat sich das ins Stammbuch geschrieben. Die Kirche muss sich daran messen lassen, ob sie ein authentisches Leben und die Integrität des Menschen fördert. Gerade darin zeigt sich ihre Glaubwürdigkeit. Glaubwürdigkeit ist aber kein Besitz, sondern hat sich in der Erfahrung zu bewahrtheiten. „Gaudium et spes“ ist also keine Angelegenheit von Worten, sondern zeigt sich in der Praxis. Die Wirklichkeit steht über der Idee.

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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