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Wer in den Sechzigerjahren geboren ist, hat Umstürzendes vor sich. Wie Johannes Loy. Im Gastkommentar teilt er seine Sorgen und seine Gelassenheit.
Diesmal blicke ich auf was anderes. Nicht auf Krisen, kulturellen Wandel oder kirchliches Leben zwischen Höhen, Stillstand und Struktur-Querelen. Das habe ich in über 40 Journalistenjahren oft an den Ohren gehabt und analysierend in Zeilen gegossen. Stattdessen nehme ich mir die Freiheit, auf die Babyboomer-Generation zu schauen, die jetzt die dritte und letzte Lebensphase vor Augen hat. Als 1963er Jahrgang gehöre ich dieser Generation an und bemerke eine gewisse Unruhe, was mich wohl erwartet und wie viel Zeit mir bleibt.
Wird nun also nach dem letzten Arbeitstag, der in Kürze bevorsteht, schlicht und einfach die Ernte eingefahren? Füße hoch und nur noch genießen? So einfach ist die Sache nicht; denn wir kennen ja das lukanische Gleichnis von dem Narren, der immer größere Scheunen baute und dann über Nacht abberufen wurde. Und den „Jedermann“, den reichen Prasser, den der Tod mit kalter Pranke packt, habe ich in Salzburg in mehreren warnenden Varianten gesehen.
Unersetzlich?
Der Autor
Johannes Loy, geboren 1963 in Münster, studierte Geschichte, Katholische Theologie und Erziehungswissenschaften in Münster. Seit 1995 leitet er das Feuilleton-Ressort der Westfälischen Nachrichten/Zeitungsgruppe Münsterland.
Erich Kock (1925-2016) aus Münster, mein unvergessener väterlicher Journalisten-Kollege, einige Jahre war er Sekretär von Heinrich Böll, hat im fortgeschrittenen Alter ein Büchlein mit dem Titel „Jeden Morgen weckt mich das Licht!“ geschrieben, an das ich öfter denken muss.
Kock hat klug darauf verwiesen, dass das Älterwerden oft zwei Extreme kennt. Der eine wirkt wie gelähmt vom Schwinden der eigenen Kräfte oder krankt an dem Bewusstsein, dass man nicht mehr wichtig ist. Und der andere entwickelt eine „dynamische“ Umtriebigkeit, zählt Reiseziele und Fahrradkilometer. Wie oft haben Sie schon frühere Kollegen erlebt, die nicht loslassen konnten? Und wie wahr ist doch der Spruch, dass der Friedhof voll ist von Leuten, die sich für unersetzlich hielten!
Bitte keine nöligen Rentner
Also gebe ich den Babyboomern und mir die Weisheit Erich Kocks weiter: Wir sollten uns einfach bemühen, den Platz einzunehmen, den das Alter uns zuweist: Erinnerungen haben, sich Zeit gönnen, gelassen sein, sich aber auch immer auf Neues gefasst machen, den Tag bewusst und dankbar leben, einen eigenen Lebensrhythmus finden – und den Tod nicht fürchten. Und jeder wird mit seinem Quantum Zeit anders umgehen. Als Großvater oder Großmutter vielleicht – oder als gefragter Ratgeber. Aber bitte bloß nicht als nöliger Rentner und Beschwörer der guten alten Zeit, in der angeblich alles besser war!
Ganz sicher ist der Gedanke hilfreich, im Senioren-Alter Zeit zu verschenken an Menschen, die Zuwendung und Trost benötigen. Die Einsamkeit, so sagte mal jemand, sei die große Krankheit unserer Zeit. Da könnte man wirklich, wenn wir schon beim Aussäen und Ernten sind, Schätze einfahren, die bleiben. Denken Sie mal darüber nach …
In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.