MEINUNG

Warum fühlen wir uns fremd in Menschenland?

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Der Umgang mit Migranten etwa in den USA schockiert viele. Wie die Begegnung mit zwei Wohnungslosen Schwester Lini Sheeja Mut machte.

Im August 2025 habe ich ein Praktikum in Recklinghausen absolviert, im Gasthaus, wo man Menschen von der Straße mit offenem Herzen begegnet. Die Gäste erhalten dort Frühstück und Mittagessen. Bei einer Frühstücksausgabe fragte mich ein Mann: „Schwester, woher kommst du?“ Noch bevor ich antworten konnte, sagte ein anderer: „Sie kommt aus Menschenland. In unserer Welt gibt es nur ein Land – das Menschenland.“

Dieser Satz traf mich tief. Seit fünf Jahren lebt dieser Mann auf der Straße. Hat ihn das Leben gelehrt, dass wir am Ende alle nur zu einem gemeinsamen Land gehören – dem Menschenland? An diesem Tag stellte ich mir viele Fragen: Wenn wir alle zu einem Menschenland gehören, warum gibt es dann noch immer Kriege – auch 2026?

Leben auf dem Drahtseil

Die Autorin:
Sr. Lini Sheeja MSC ist Mitglied der Missionsschwestern vom Heiligsten Herzen Jesu (Hiltruper Missionsschwestern), stammt aus Indien und ist Sozialarbeiterin sowie Autorin. In ihrem sechsten Buch „O Justice, Where are You?“ ruft sie dazu auf, gemeinsam für eine gerechte Welt einzutreten; ihr erstes Buch „Sound of Silence“ erschien in sechs Sprachen, und derzeit absolviert sie ihren Master in Soziale Arbeit an der KatHO Münster.

In den Seligpreisungen heißt es: „Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit“ (Mt 5,6). Doch unsere Welt scheint oft nach etwas anderem zu hungern: nach Land, Macht, Besitz und Reichtum.

Auch die Situation von Migrant*innen, etwa in den USA, macht viele von uns sprachlos. Für sie fühlt sich der Alltag oft an wie ein Leben auf dem Drahtseil. Wenn von einer „Invasion“ durch „Fremde“ gesprochen wird, wenn Grenzen geschlossen und Asyl auf US-amerikanischem Boden verwehrt werden soll, werden diese politischen Aussagen von vielen als hart und beängstigend empfunden. Solche Erklärungen vermitteln Migrant*innen das Gefühl, unerwünscht zu sein und keine sichere Zukunft zu haben. Doch wie kann sich ein Mensch in einem anderen Land unerwünscht fühlen, wenn wir doch alle zu einem gemeinsamen Menschenland gehören?

Land, Besitz, Reichtum

Unsere Welt ist geprägt vom Denken in „mein Land, mein Besitz, meine Familie“. Dabei geräten leicht in Vergessenheit, dass das menschliche Leben mehr wiegt als Grenzen, mehr bedeutet als Eigentum und mehr zählt als Macht. Wir kommen mit leeren Händen in diese Welt und wir verlassen sie auch wieder mit leeren Händen. Kein Land, kein Besitz und kein Reichtum begleiten uns, wenn wir sterben. Warum kämpfen Menschen dann so verzweifelt um Dinge, die sie letztendlich nicht mitnehmen können?

Vielleicht kann uns gerade der Mensch auf der Straße lehren, größer zu denken, dass wir letztlich nur ein gemeinsames Land haben: das Menschenland. Ich wünsche uns kein bitteres, verhärtetes Land, sondern ein besseres und mitfühlendes Land – ein echtes Menschenland. Und Sie?

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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