MEINUNG

Segnung queerer Paare: Warum es Grund zu Gelassenheit gibt

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Zehn Sekunden für eine Segnung queerer Paare? Diese Vatikan-Regel sorgte für Aufsehen. Matthias Remenyi fragt: War das was? Oder war da nichts?

Erinnert sich noch jemand an Fiducia supplicans? An die Aufregung um die Segnung von Paaren in, wie es dort so abschätzig heißt, „irregulären Situationen“? An die nachgeschobene Presseerklärung vom Januar 2024 mit ihrer ominösen Zehn-Sekunden-Regel, die für so viel Spott und Zorn sorgte? 

Eine Nullnummer sei das, hieß es damals, eine Luftbuchung. Nur private Segnungen von Einzelpersonen seien gemeint. Das habe es immer schon gegeben. Leere Worte also, die nur kaschieren sollen, dass sich gar nichts geändert hat. Ideologisch. Toxisch.

Segnungen sind Amtshandlungen

Der Autor
Matthias Remenyi ist Professor für Fundamentaltheologie und vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Würzburg.

Und dann? Anfang April 2025 verabschiedete die Gemeinsame Konferenz aus Deutscher Bischofskonferenz und Zentralkomitee der deutschen Katholiken einen Beschlusstext über „Segnungen für Paare, die sich lieben“. Der Text wurde mit Rom abgestimmt, Rückmeldungen von Kardinal Víctor Manuel Fernández, Präfekt des Glaubensdikasteriums, wurden eingearbeitet.

Darin wird klargestellt: Auch wenn es keine approbierten liturgischen Bücher geben wird, so sind diese Paarsegnungen doch amtliches Handeln der Kirche. Und weil es Amtshandlungen sind, sollen entsprechende Fortbildungen angeboten werden. Ende Juni und Anfang Juli haben die ersten Bistümer diese Handreichung in ihren Amtsblättern veröffentlicht und damit verbindlich gemacht.

Was Fakt ist

Fakt ist: Die Sexualmoral der katholischen Kirche ist damit nicht angetastet, ebenso wenig sind die Inkonsistenzen der bestehenden Ehelehre vom Tisch. Es bleibt noch viel zu tun, an Denk- und Argumentationsarbeit, auch an Widerspruch und Protest.

Fakt ist aber auch: Es ist etwas geschehen. Es hat sich etwas verändert. Zum Guten hin. Wenig zwar, zu wenig vielleicht und zu spät. Aber eben nicht nichts. Und das sollte man ebenfalls zur Kenntnis nehmen, nüchtern und unaufgeregt.

Die Arbeit der Unterscheidung

Man kann dieses Neue verfehlen, indem man etwas in die Texte hineinliest, was gar nicht drin steht (etwa eine stillschweigende Änderung der Sexualmoral oder der Ehelehre). Man kann es aber auch (gewollt oder ungewollt) ausbremsen, indem man so tut, als sei gar nichts geschehen.

Und manchmal hilft die Zeit bei dieser Arbeit der Unterscheidung. Das lässt mich etwas gelassener nach vorne blicken. Gerade in Zeiten wie diesen, wo Faktenblindheit und Kulturkampfattitüde allenthalben zunehmen und die Erregungsspiralen sich immer schneller drehen.

In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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