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In der Diskussion um eine Weihe für Frauen lenken Kritiker zu viel vom eigentlichen Kern ab, findet Nora Bossong. Mit Folgen nicht nur in der Kirche.
Letzte Woche stand ich beim Apéro einer katholischen Fakultät mit Studierenden zusammen, die meisten von ihnen Frauen. Die mit den glänzenden Noten: Frauen. Dass sie vom Beruf ausgeschlossen sind, zu dem dieses Studium qualifiziert – Priester –, hielt sie nicht davon ab, Bestleistungen zu erbringen.
Nun kann man über den Unterschied von Beruf und Berufung sinnieren, man kann darauf hinweisen, dass ein Theologiemaster zur Religionslehrerin und zur Pastoralassistentin qualifiziert. Das ändert nichts daran, dass unsere Kirche, die sich auf Gottes- und Menschenliebe gründet, partout daran festhält, Frauen letztlich die volle Taufe abzusprechen: gesalbt zum König, Priester und Propheten. Das entwürdigt nicht nur Frauen, sondern auch das Sakrament.
Panik und Schisma
Die Autorin
Nora Bossong, 1982 in Bremen geboren, ist Schriftstellerin. Sie schreibt Romane, Lyrik und Essays, für die sie mehrfach ausgezeichnet wurde, u.a. mit dem Joseph-Breitbach-Preis, dem Thomas-Mann-Preis und dem Elisabeth-Langgässer-Literaturpreis. Zuletzt erschien der Roman Reichskanzlerplatz (Suhrkamp 2024). Sie ist zudem Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken und im PEN Berlin.
Manche werden beim Gedanken an Frauenweihe so panisch, als wäre die Abwertung von Frauen das eigentliche Zentrum ihres Glaubens, nicht Jesus Christus. Ihnen sei beruhigend gesagt: Wir wollen gar nichts Neues, wir wollen nur Paulus. „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“ (Gal 3,28).
Es macht müde, wenn wieder ein angeblich drohendes Schisma herbeigeredet wird von jenen, die die gleiche Würde von Mann und Frau zum „Luxusproblem“, gar zur „westlichen Hegemonie“ verdrehen. Selten sind weiße, europäische Christen so postkolonial wie im vereinten Kampf gegen Gleichberechtigung. Frieden und der Kampf gegen Hunger seien die wichtigeren Themen, finden sie und übersehen, dass ihre Ziele ohne Frauenrechte scheitern. Hunger entsteht eben auch dadurch, dass Frauen von Bildung, Gesundheitsversorgung und politischer Partizipation ausgeschlossen werden. Er wächst, weil weitergelebt wird, woran konservative und reaktionäre Vertreter der drei abrahamitischen Religionen fanatisch festhalten: die Unterordnung der Frau unter den Mann.
Diskriminierung von Frauen fängt am Altar an, sie endet in der weltweiten Unterdrückung gerade in den ärmsten Schichten, dort, wo der Hunger am größten ist und wo oft am meisten unter kriegerischen Konflikten gelitten wird. Eine Frau kann so theologisch gebildet, so fest im Glauben, so fromm, enthaltsam und barmherzig sein, wie sie will. Es sind nicht ihr Leben, ihre Hingabe, ihr Glauben, sondern ihre primären Geschlechtsorgane, wonach sie abgeurteilt wird. Das wichtigste Organ der Evangelien scheint mir dagegen das Herz zu sein.
In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.