ZUKUNFT DER KIRCHE

Für eine palliative Pastoral: großzügig, vertrauend, freilassend

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Was von der Volkskirche noch übrig ist, liegt im Sterben, sagt Stefan Jürgens. Das ist zu akzeptieren. Wie sieht da eine österliche Perspektive aus?

Das heute noch menschenmögliche Handeln der Kirche bezeichne ich gerne als palliative Pastoral. Und zwar nicht aus Resignation, sondern aus purer Vernunft. Die Sozialgestalt der Kirche als Volkskirche ist längst tot. Auch das, was davon noch übriggeblieben zu sein scheint, liegt im Sterben. Dies gilt es zu akzeptieren. 

Europa wird schon sehr bald ohne gesellschaftlich relevantes Christentum sein. Der Sterbeprozess kann nicht aufgehalten werden, ja er wird sogar noch beschleunigt durch das schlechte Ansehen der Kirche sowie durch den anhaltenden Reformstau.

Keine Durchhalteparolen

Nun könnte man denken: Es hat sowieso alles keinen Sinn mehr, also machen wir den Laden dicht. Palliativmediziner sind jedoch keine Totengräber. Dem palliativ betreuten Patienten wird besonders viel Aufmerksamkeit zuteil. Man versucht, ihm die letzte Lebensspanne so angenehm wie möglich zu gestalten. Dabei geht es nicht nur um die richtige Medizin, sondern um eine gute Atmosphäre, um Begegnungen und Gespräche, um die Erfüllung besonderer Wünsche und um die Linderung von Schmerzen. 

Das Leiden wird nicht aus der Welt geschafft, sondern möglichst erträglich gemacht. Der Tod wird nicht verdrängt, sondern bewusst wahrgenommen. Es gibt keine Durchhalteparolen. Der hohe Personal- und Sachaufwand ist ein Zeichen dafür, dass das Leben seine unaussprechliche Würde bis zuletzt behält.

Keine falschen Hoffnungen

Der Autor
Stefan Jürgens ist Leitender Pfarrer in Ahaus.

Palliative Pastoral bedeutet nun: Wir geben alles – bis zuletzt. In Liturgie, Katechese und Caritas setzen wir unsere ganze Kreativität ein, auch wenn wir das alles morgen oder spätestens übermorgen nicht mehr in diesem Umfang brauchen, geschweige denn können werden. Jede Taufe, Trauung und Beerdigung ist eine Chance, das Leben für Gott aufzuschließen, auch wenn dadurch keine Kirchenbindung entsteht.

Palliative Pastoral bedeutet aber auch: Wir wissen, dass es zu Ende geht. Deshalb machen wir uns keine falschen Hoffnungen. Es wird weiterhin Christinnen und Christen geben, sie werden ihre Kirchen größtenteils nicht abreißen. Aber der behördenkirchlich organisierte Glaubensgehorsam wird der Freiheit weichen. Palliative Pastoral ist eine großzügige, vertrauende, freilassende Seelsorge.

Ich lebe ja nicht für die Kirche, sondern von Gott her für die Menschen. Wer von Gott groß denkt, muss sich um den Fortbestand der Kirche keine Sorgen machen. Deren Niedergang kann auch eine österliche Perspektive haben. Gott findet neue Wege, das Herz der Menschen zu erreichen. Nicht die Kirche hat eine Mission, sondern Gottes Mission hat – auch – eine Kirche.

In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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