GESELLSCHAFT

Kirche wird in Politikdebatten dringend gebraucht – unter Voraussetzungen

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Die Kirche ist zurück in der politischen Arena, findet ZDF-Journalist Stefan Leifert. So dringend nötig das ist: Er sieht auch Gefahren.

Lange nicht mehr hat man die Kirche so politisch erlebt. Ob der Schlagabtausch zwischen Papst und US-Präsident, der hochpolitische Katholikentag in Würzburg, die Diskussion zur Unvereinbarkeit von AfD- und Kirchengremienmitgliedschaft, der Aufruf der Bischöfe an Europa, die Angst vor Donald Trump abzulegen, der Widerstand gegen den Missbrauch religiöser Begriffe und Bilder zu identitätspolitischen Zwecken: die Kirche ist zurück in der politischen Arena.

So düster die Zeit weltpolitisch sein mag – für die Kirche bietet sie eine Chance. Nach den so notwendigen wie schmerzhaften Jahren, die den Enthüllungen zu sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch folgten, muss die Kirche der reinen Selbstbeschäftigung dringend entkommen. Das ist kein Appell, Aufarbeitung und innere Reformen einzustellen, sondern der gesellschaftlichen Rolle gerecht zu werden, die einzunehmen immer noch viele von ihr erwarten.

Anwalt der Gesellschaft

Themen dafür gibt es genug. Der Ukraine-Krieg erschüttert die Friedensethik. Die Entwicklung Künstlicher Intelligenz fordert das christliche Menschenbild heraus. Im Kampf der politischen Systeme stehen die christlich geprägten liberalen Gesellschaften von außen und innen zugleich unter Druck. Die Demografie zwingt zu schmerzhaften Einschnitten und Sozialreformen. Der grassierende Autoritarismus verändert die politische Landkarte in allen Ländern Europas. Und die Klimakrise droht angesichts all dessen zum Randthema zu werden.

Die Kirche kann sich bei all diesen Themen zum Anwalt einer Gesellschaft machen, die friedlich, aber wehrhaft sein will; die technischen Fortschritt und christliches Menschenbild in Einklang bringt; die den selbsternannten Propheten des christlichen Abendlands den religiösen Anstrich entreißt; die weiß, wie man von Schöpfung und Gerechtigkeit redet. 

Die Gefahren

Der Autor
Stefan Leifert stammt aus Haltern. Er arbeitet seit 2005 als Journalist für das ZDF, berichtete als Korrespondent aus Berlin und Brüssel. Im August 2024 übernahm er die Leitung der Redaktion „heute journal" und die Moderation des ZDF-Politbarometers.

Dabei darf sie nicht der Gefahr erliegen, politisch mit parteipolitisch zu verwechseln. Bisweilen ähnelt der Sound mancher Debattenbeiträge arg der grüner Parteitage. Die Kirche muss Heimat bleiben für konservative, bürgerliche und, ja, migrationskritische Milieus. Die kirchliche Kritik an politischen Extremen ist richtig, darf sich aber nicht auf rechts beschränken. Der christliche Blick auf die Chancen von Migration ist richtig, darf aber nicht blind sein für die Gefahren von extrem links. Dass mit Annegret Kramp-Karrenbauer letztes Jahr eine ehemalige CDU-Vorsitzende das Zentralkomitee der deutschen Katholiken im Konflikt um die migrationspolitische Positionierung verließ, sollte eine Mahnung sein, den Korridor nicht zu eng zu ziehen.

Innere Konflikte auszuhalten, darin ist die Kirche eigentlich erprobt. Gelingt ihr das auch politisch, kann sie zu einer Stimme werden, nach der sich gerade viele sehnen. Dieses Momentum sollte sie dringend nutzen.

In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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