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Am Sonntag ist die Weihnachtszeit schon wieder vorbei. Das Wesentliche aber darf nicht enden, plädiert Bibel-Experte Thomas Söding leidenschaftlich.
Das Weihnachtsfest zieht weite Kreise. In den Herzen der Menschen und ganzer Gesellschaften soll es ankommen und nachwirken. Das ist die Frohe Botschaft, die Matthäus und Lukas mit den Erzählungen von Jesu Geburt verbreiten.
Matthäus öffnet die geographischen Räume im Zentrum damaliger und heutiger Konfliktregionen. Jerusalem ist der Vorort – nicht im Fokus politischer Dominanz, sondern unbändiger Friedenshoffnung, die jeder Gewaltorgie ein Nein entgegensetzt und jeder Versöhnungsarbeit ein Ja erwidert. Bethlehem ist die Stadt im Kleinen, die Großes hervorbringt: den Messias. Der Orient – mit den heutigen Staaten Iran und Irak – ist die Heimat der „Magier“, die dem Stern nach Bethlehem folgen. Ägypten ist für die Heilige Familie nicht das feindliche Land des Pharao, sondern der Zufluchtsort, an dem sie überleben kann.
Blühende Landschaften statt Flächenbrände
Der Autor
Thomas Söding ist Professor für die Exegese des Neues Testaments an der Ruhr-Universität Bochum. Als Berater der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz und Vizepräsident des Synodalen Wegs engagiert er sich für Reformen in der katholischen Kirche. Er lebt in Münster
Die apokryphen Evangelien, die nicht in der Bibel stehen, aber tief in der Volksfrömmigkeit verwurzelt sind, malen die Gastfreundschaft Ägyptens aus und den Segen, den Jesus dem Land am Nil spendet. Die gute Nachricht an dieser Frohen Botschaft: Wo das heiße Herz des Gottesglaubens schlägt, werden nicht Flächenbrände entfacht, die ganze Kulturräume zerstören, sondern blühende Landschaften mit Energie versorgt.
Lukas verortet die Gotteshoffnung bei denen, die im Schatten stehen, weil sie nicht an den Schalthebeln der Macht sitzen, aber im Licht Gottes stehen, weil sie ihre Hoffnung auf ihn setzen. Zacharias ist ein Beispiel, einfacher Priester am Tempel, kein Angehöriger des hohepriesterlichen Adels; die Hirten, die auf den Feldern Bethlehems dem Beruf Davids nachgehen, sind andere Beispiele.
Auf wen es heute ankommt
Der eine lernt, seine Skepsis in Hoffnung zu verwandeln, die anderen lernen, den Boten zu trauen, die der Himmel geschickt hat. Am wichtigsten sind Elisabeth und Maria, die Mutter des Täufers Johannes und die Mutter Jesu: beides Frauen, die durch ihre Kinder die Krise und das Glück ihres Lebens erfahren. Die gute Nachricht: Jesus gibt ihnen Recht.
Heute kommt es auf Menschen wie sie an, gerade im Nahen Osten. Und es kommt auf uns an, die sie unterstützen. Es kommt darauf an, zu tun, was der Advent verheißt: die Türe hoch und die Tore weit zu machen, des eigenen Herzens und der eigenen Gesellschaft.
In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.