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Was als Aprilscherz begann, entwickelt sich für Tom Hegermann zu einer echten Alternative – wenn er so manche Predigt hört. Warum muss das so sein?
Zugegeben, der 1. April ist jetzt schon ein paar Tage her. Aber ein Aprilscherz geht mir noch immer nach. Und der wurde ausgerechnet von katholisch.de im Internet verbreitet, also dem offiziellen Portal der Katholischen Kirche in Deutschland.
Der Scherz ging so: Papst Leo habe in die langjährige Diskussion über die Frage eingegriffen, ob die Messe nicht doch so wie vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil wieder vom Priester mit dem Rücken zur Gemeinde zelebriert werden dürfe. Der Papst habe einen Kompromissvorschlag unterbreitet. Der gehe so: Künftig sei es der Gemeinde erlaubt, während der Messe ihrerseits dem Priester den Rücken zuzukehren.
Predigen, weil gepredigt werden muss
Der Autor
Tom Hegermann hat als Journalist unter anderem 25 Jahre lang im Radioprogramm von WDR 2 moderiert. Heute arbeitet er vor allem als Moderator von Veranstaltungen und als Trainer rund um das Thema „Handwerk fürs Mundwerk“.
Ich fand den Scherz durchaus originell. Und dann habe ich gedacht: Was steckt da doch obendrein an bitterer Wahrheit drin. Wie oft erlebe ich Messen und vor allem Predigten, bei denen ich meiner Frau zuraune: „www.predigt.de.“
Wieder und wieder höre ich Predigten, die komplett abgelesen werden, mit zahlreichen Versprechern obendrein. Erkennbar nicht selbst verfasst. Denen jede emotionale und spirituelle Originalität und Tiefe fehlt, die gepredigt werden, weil eben gepredigt werden muss. Ja, ich kenne alle berechtigten Einwände: Zeitmangel, Überarbeitung, Sprachprobleme bei Priestern aus fernen Ländern.
Hoffen auf den einen Moment
Und dennoch hoffe ich natürlich jedes Mal, wenn ich in einen Gottesdienst gehe, dass ich diesen einen Moment erlebe, der nachwirkt, der dafür sorgt, dass ich dem Priester nicht den Rücken zukehren will, dass ich anders aus der Kirche herauskomme als ich hineingegangen bin.
Neulich habe ich das erlebt. Es predigte ein älterer Pfarrvikar, der in jungen Jahren mal Domvikar in Köln gewesen ist. Und der erzählte, wie er sich mit seinem eigenen Schlüssel immer mal wieder nachts in den Dom geschlichen habe, um dieses einzigartige Gefühl der Größe und Nähe zu erleben.
„Kirche sein, wo keine ist“
Nach seiner Zeit als Domvikar, so erzählte er in seiner Predigt, sei er einige Zeit in Mittelamerika gewesen. Dort habe ihn an einem Sonntag der örtliche Pfarrer mit in die Kirche genommen, die sich als Wellblechhütte herausgestellt habe. Für einen Moment habe er aus der Perspektive des Domvikars auf diese mickrige Hütte herabgeschaut, die doch gar nicht wie eine richtige Kirche wirkte.
Aber genau in diesem Moment habe ihm der örtliche Pfarrer zugeraunt: „Darum geht es doch: Kirche sein, wo keine ist.“
Dieser Satz geht mir seitdem nach. Viel länger übrigens schon als der Aprilscherz.
In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.