„Wir müssen bereit sein, Wohlstand zu teilen“

Geerlings im Interview: Wie Flüchtlinge Deutschland verändern

Der münstersche Weihbischof Dieter Geerlings, stellvertretender Vorsitzender der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz, ruft Politik und Kirche dazu auf, Zuwanderung zu gestalten. Im Interview regt er ein Einwanderungsministerium an. Die Einigung der Bundesregierung auf sechs Milliarden Euro zusätzliche Flüchtlingshilfe nennt Geerlings einen guten Anfang. Er nimmt auch die Kirche in die Pflicht, neu darüber nachzudenken, ob sie Räume bereitstellen kann: „Damit sind auch wir am Domplatz gemeint.“

„Kirche+Leben“: Deutschland rechnet mit 800.000 Flüchtlingen und Asylbewerbern in diesem Jahr, so viele wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Viele Menschen fragen: Können wir das „stemmen“?

Weihbischof Dieter Geerlings: Ja, es ist nur die Frage, wie. Im Moment geht es natürlich vor allem darum, die Ankommenden menschenwürdig unterzubringen. Die Politik, die Kommunen und auch die Kirchen müssen sich aber fragen: Sind wir bereit, die Flüchtlings- und Zuwanderungspolitik zu einem Gestaltungsschwerpunkt zu machen? Sind wir bereit, mehr Kraft und auch mehr Geld zur Verfügung zu stellen? Im Moment ist der Wille groß, gerade in der Zivilgesellschaft. Auch die Einigung der Bundesregierung, für Bund, Länder und Gemeinden 2016 sechs Milliarden Euro zusätzlich bereitzustellen, ist ein guter Anfang. Darauf müssen wir aufbauen. Wir müssen auch sehen: Selbst 800.000 Asylbewerber sind nicht einmal ein Prozent der deutschen Bevölkerung; und nur vier Prozent aller Flüchtlinge weltweit kommen überhaupt nach Europa.

Viele Flüchtlinge werden bleiben – das dürfte die Gesellschaft verändern...

Sie verändert sich längst. Bundesweit engagieren sich rund 200.000 Menschen bei christlichen Initiativen für Flüchtlinge, die oft ökumenisch sind. Da brechen festgefügte Gemeinden auf. Viele Menschen kommen mit Kirche in Kontakt, die vorher nichts oder nichts mehr mit ihr zu tun hatten. Auch die Gemeinden und die organisierte Caritas bewegen sich aufeinander zu. Es fehlt allerdings oft noch an der hauptamtlichen Koordination und an Unterstützung für Ehrenamtliche. Da müssen die Bistümer helfen.

Und außerhalb der Kirchen?

Wir reden über einen Veränderungsprozess epochaler Art. Den müssen wir gestalten. Die Zeit des Abschottens ist vorbei. Wir lernen andere Kulturen kennen, das ist eine Chance. Die Hälfte aller Flüchtlinge, die im Moment zu uns kommen, ist jünger als 25 Jahre. Wenn wir es schaffen, sie zu integrieren, verjüngt sich die Gesellschaft. Wenn wir sie in den Arbeitsmarkt integrieren, stützt das unser Sozial- und Rentensystem. Ich weiß, dass es bei einigen Menschen Ängste gibt, wenn so viele Flüchtlinge kommen. Aber sie werden nun einmal kommen – also müssen wir die Situation gestalten.

Wie lassen sich die hier bleibenden Flüchtlinge integrieren?

Das Wichtigste ist sicher, dass sie die Sprache lernen. Dann braucht es Nachbarschaften, die offen sind und Hilfe leisten. Auch die Ehrenamtlichen, die zum Beispiel von der Caritas zu Integrationslotsen ausgebildet werden, können viel bewegen. Für die Kinder spielen Kindergärten, Schulen und Bildung eine große Rolle. Auch muss es das Ziel sein, Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Wir müssen darauf ausgerichtet sein, Zuwanderung zu gestalten. Zu überlegen ist auch, wie die katholische Kirche ihre Pastoral darauf einstellt. Denken Sie zum Beispiel an die Erstkommunionkatechese. Wir brauchen den Willen zur Solidarität mit Flüchtlingen. Und wir müssen bereit sein, unseren Wohlstand zu teilen – in Europa insgesamt.

Viele Erstaufnahme-Zentren sind überfüllt, etliche Flüchtlinge landen vorerst in Turnhallen, sogar Zeltstädten. Nicht nur mit Blick auf den Winter kann das keine Dauerlösung sein. Was tun?

Wir brauchen mehr Wohnraum. Wir müssen auch als Kirche und im Bistum Münster noch genauer hinsehen – zum Beispiel, wofür wir Pfarrheime nutzen. Auch das meine ich damit, Wohlstand zu teilen. Haben wir die Möglichkeit, in ein, zwei Räumen eine Familie unterzubringen? So könnte es auch zu Begegnungen mit anderen Nutzern des Pfarrheims kommen, also zu Integration. Man muss sehen, dass man meistens mehrere Flüchtlinge wird unterbringen müssen. Denn sie brauchen den Kontakt untereinander, vor allem, so lange sie noch nicht so gut Deutsch sprechen.

Auch der Papst fordert, jede Pfarrei in Europa solle eine Familie aufnehmen.

Darüber müssen wir nachdenken. Und mit der Forderung sind auch wir am Domplatz gemeint. Das könnte ein Signal ins Bistum sein.

Worauf wird es politisch ankommen?

Zunächst einmal: Das Dublin-System der Verteilung von Asylsuchenden auf die EU-Staaten hat ausgedient. Dann: Wir werden in Deutschland ein Einwanderungsgesetz prüfen müssen. Prüfen deshalb, weil im Moment noch jede Partei etwas anderes meint, wenn sie Einwanderungsgesetz sagt. Vielleicht braucht es auch europäische Info-Büros in den Staaten des Weltbalkans, wo die Menschen erfahren können, wer Chancen hat, zu uns zu kommen, und wer nicht. Wir werden nicht alle aufnehmen können, die kommen wollen. Das ist aber ein gemeinsames europäisches Problem: Wir haben einen grenzfreien Raum, aber keine gemeinsame Flüchtlings- und Zuwanderungspolitik. Das geht nicht. Wir müssen auch klären, wer nicht kommen soll.

Einige Staaten werden zu „sicheren Herkunftsländern“ erklärt...

Das Konzept sollte überprüft werden. Bei solchen pauschalen Festlegungen geraten die unterschiedlichen Gruppen von Menschen in dem Land zu schnell aus dem Blick. Natürlich werden die Staaten des Balkans immer betonen, dass es bei ihnen sicher sei. Aber solche Länder-Listen werden zu schnell an die Tagespolitik angepasst.

Integration ist sehr vielschichtig. Wie soll die Politik das Thema in den Griff bekommen?

Ich wünsche mir ein Einwanderungsministerium. Nichts gegen das Bundesinnenministerium. Aber es wird das Thema Flüchtlinge immer auch aus dem Blickwinkel der Sicherheit betrachten. Ein Einwanderungsministerium könnte den Fokus darauf legen, Integration zu gestalten, und Aspekte der Außen-, Innen-, Bildungs- und Sozialpolitik verbinden.

Was müssen Deutschland und Europa tun, um Fluchtgründe in den Herkunftsländern der Menschen zu beseitigen?

Auch wenn das naiv klingt: Es wird nur gehen, wenn wir uns mit den Vertretern der Herkunftsländer in Afrika und im Nahen Osten an einen Tisch setzen. Das gilt auch für Länder wie den Iran und Saudi-Arabien, mit denen wir politisch ein zwiespältiges Verhältnis haben – etwa beim Thema Menschenrechte. Wir müssen auch neu über Entwicklungshilfe nachdenken. Natürlich ist es wunderbar anschaulich, wenn wir sagen können: Wir haben ein Krankenhaus aufgebaut. Aber es braucht mehr Hilfe beim Schaffen transparenter politischer Abläufe, Investitionen in die Infrastruktur und die Energieversorgung.