Der Vorsitzende der Liturgiekommission des Bistum Münster zu Gottesdiensten in Corona-Zeiten

"Geistermessen" oder nicht? Das sagt Pfarrer Stefan Rau aus Münster

Seit alle öffentlichen Gottesdienste wegen der Corona-Krise verboten sind, übertragen viele Priester Messfeiern ohne Gemeinde. Das widerspreche dem heutigen Verständnis von Liturgie, sagten drei Professoren Anfang der Woche. Stefan Rau ist seit langem Pfarrer und Vorsitzender der Liturgiekommission des Bistums Münster. Was meint der Praktiker?

Pfarrer Rau, genügt es für die Sonntagspflicht, am Computer, Smartphone, Radio oder Fernseher eine Eucharistiefeier zu verfolgen? Ist das überhaupt gültig? Man kann ja keine Kommunion empfangen.

Ich möchte die formale Seite von der geistlichen unterscheiden: In Ihrem Schreiben vom 16. März haben der Generalvikar in Münster und der Offizial in Vechta im Namen unseres Bischofs geschrieben: „Die Gläubigen sind von der Sonntagspflicht befreit.“ Zugleich empfehlen sie aber genau wie der Bischof in seinem Hirtenwort vom selben Tag allen Gläubigen, sich innerlich und geistlich mit Gott und der Kirche zu verbinden: durch Gebet, Schriftlesung, Gottesdienstübertragungen im Fernsehen oder Internet. Unser Bischof schreibt dazu: „Ich lade Sie herzlich ein, die Eucharistie innerlich mitzufeiern."  Die Kommunion von Leib und Blut Jesu Christi ist für viele Katholiken des 21. Jahrhunderts tatsächlich der Höhepunkt einer Eucharistiefeier und Quelle der Spiritualität, der Verzicht auf sie fällt sehr schwer. Wir dürfen aber glauben, dass die geistliche communio sowohl mit Gott als auch in der Gemeinde in solch einer Notzeit auch ohne sichtbare Kommunion fortbesteht und in Formen, wie der Bischof sie nennt, gepflegt werden kann. 

Was hat es mit der "geistlichen Kommunion" auf sich? Ist das ein gültiger Ersatz?

Die „geistliche Kommunion“ bezeichnet die Möglichkeit, sich als Christ innerlich möglichst intensiv mit Gott zu verbinden, auch wenn man die heilige Kommunion faktisch nicht empfangen kann. Hierbei geht es nicht um eine Frage der Gültigkeit, sondern der geistlichen Fruchtbarkeit für die oder den Einzelnen, und da sollten wir der Großherzigkeit Gottes wirklich keine Grenzen setzen: Er wird denen, die ihn darum bitten, in solcher Notzeit seine Gnade und Segen sicher nicht vorenthalten!

Manche Liturgie-Experten bemängeln so genannte Geistermessen, weil daran keine echte Gottesdienstgemeinde teilnimmt. Aber ist es nicht wichtiger, dass ein solches Angebot Menschen in dieser Situation der verbotenen öffentlichen Gottesdienste einfach gut tut?

Ich sehe das genau so, wie Sie es gerade in Ihrer Frage wahrnehmen – und daher schildere ich Ihnen gerne, wie wir das in unserer Pfarrei tun: Wir müssen momentan auf die Versammlung der Gemeinde zum Gottesdienst und auf die Kommunion verzichten. Aber in diesem nötigen Verzicht kommt nun vielleicht eine Dimension unseres Glaubens zum Tragen, die uns sonst nicht immer so bewusst ist: Alle sichtbaren Versammlungen in Gottesdiensten und sonstigem Gemeindeleben wollen letztlich Zeichen, Symbole für die unsichtbare Realität Gottes in unserem Leben, unseren Gemeinden sein. Auch die Kommunion in Brot und Wein ist Zeichen der Zugehörigkeit zur Kirche und unserer Gemeinde, vor allem aber bezeichnet und stärkt sie die unsichtbare, tragende communio zwischen Gott und Mensch. Und wir dürfen glauben: Diese communio besteht auch jetzt weiter, da wir auf die sichtbaren Zeichen von Versammlung, Hören des Wortes, Bekenntnis des Glaubens, gemeinsamer Mahlfeier verzichten müssen!

Aber wir Menschen brauchen leibhaftige Zeichen, damit unser Glauben, Hoffen und Lieben nicht austrocknet, und solche Zeichen wollen wir in St. Joseph Münster-Süd auch jetzt neu setzen:
•    Solange es nicht verboten wird, bleiben unsere Kirchen für das Gebet der Einzelnen geöffnet. Vor dem Altar brennt neben dem Kreuz den ganzen Tag die Osterkerze – Christus ist und bleibt das Licht der Welt, die Mitte unserer Gemeinden, die Kraft meines Lebens. Selbstverständlich können wir auch weiterhin vor dem Tabernakel still werden, beten und Kerzen entzünden.  
•    Es gibt viele sinnvolle Angebote, über das Internet oder Fernsehen Gottesdienste mitzufeiern. Ich möchte aber auch in unserer Pfarrei ein Zeichen setzen: Ich werde auch weiterhin an jedem Sonntagmorgen zur gewohnten Hochamtszeit um 11.00 Uhr am Hauptaltar der Pfarrkirche die Sonntagsmesse feiern – zurzeit dann nicht wie sonst festlich mit, sondern nun stellvertretend für die Lebenden und Verstorbenen unserer Pfarrei. Das wollen wir durchaus auch „an die große Glocke hängen“: Sie wird zur Kommunion läuten, sodass die Gemeindemitglieder, wenn sie können und wollen, sich zu Hause innerlich in die große, weiter bestehende geistliche Communio einschwingen können.