Einführung am Sonntag im Dom zu Münster

Gemeindepfarrer Rudolf Büscher wird Domkapitular - und jetzt?

Zum 65. Geburtstag vor ein paar Tagen hat ihm die Küsterin ein Alpenveilchen geschenkt. „Passend in Violett“, habe sie gesagt, der Farbe, die er als Domkapitular künftig tragen wird. Einige aus seiner Pfarrei St. Gertrud im oldenburgischen Lohne hätten ihn auch schon gefragt: „Wie müssen wir Sie denn künftig anreden? Mit Herr Pfarrer, Herr Dechant oder Herr Domkapitular?“ Rudolf Büscher lächelt. „Sie messen dem Ganzen wohl mehr Bedeutung bei als ich selber.“

Dabei weiß er durchaus um die Verantwortung, die als Domkapitular eines Tages auf ihn zukommen könnte. Falls es darum gehen sollte, einen neuen Bischof zu wählen, die bedeutendste Aufgabe des Domkapitels. Eine, die auch ihm Respekt abnötigt. „Weil es ja dann darauf ankommt, den Richtigen auszusuchen, mit dem das Bistum in die Zukunft geht.“

Der Anruf kam am Montag vor dem 1. Advent

Am Montag vor dem ersten Advent hatte Bischof Felix Genn ihn angerufen, morgens um acht Uhr. Mit der frohen Botschaft, dass er Gregor Kauling, den neuen Wallfahrtsrektor von Kevelaer, und ihn zu neuen Domkapitularen ernennen und Ende Januar ins Amt einführen werde.

Jetzt, wenige Tage vor dem Festakt im Dom, liegen das violette Birett – die Kopfbedeckung – und die gleichfarbige Mozzetta – der Schulterumhang – bereit. Wie für Münster üblich, hat Rudolf Büscher sie in zweifacher Ausfertigung  anfertigen lassen, eine normale und eine aus Seide für besonders feierliche Anlässe.

Die Gemeinde feiert 2018 ein großes Jubiläum

Für den Pfarrer und seine Gemeinde ist die Amtseinführung ein besonderer Termin in einem besonderen Jahr. Im November jährt sich zum 200. Mal das Datum der Weihe der Pfarrkirche der mit 17.000 Katholiken größten Pfarrei im Oldenburger Land.

Die Lohner haben ein umfangreiches Programm vorbereitet. Der Kalender ist voll mit Gottesdiensten, Vorträgen oder Ausstellungen, mehr als 40 Veranstaltungen. Und jetzt kommt noch die Einführung ihres Pfarrers als Domkapitular hinzu. Gibt das Stress?

Er setzt auf Eigenverantwortung der Mitarbeiter

Der Pfarrer, der seit 2010 auch Dechant im Dekanat Damme ist, schüttelt den Kopf. Er sei ja nicht allein, sondern könne auf gute Mitarbeiter zählen, ehrenamtliche wie hauptamtliche, etwa im Seelsorgeteam. „Menschen mit Ideen und Tatkraft, die in der Lage sind, Dinge in Gang zu bringen.“ Ihnen traut er Eigenverantwortung zu.

Pastoralreferentin Christine Gerdes zitiere ihn manchmal mit seinem halbim Ernst und halb im Scherz gemeinten Grundsatz: „Alles, was der Auferstehungshoffnung nicht widerspricht, ist erlaubt.“ Büscher lächelt. Der Umgangston im Pfarrhaus, die Art, wie der Pfarrer über seine Gemeinde spricht und mit seinen Mitarbeitern umgeht – all das lässt spüren: Er fühlt sich wohl hier.

Er hat Anfragen an die Fusion

Ja, bestätigt er nickend, vieles laufe wirklich sehr gut, um dann aber auch von den Grenzen der Seelsorge der aus vier Teilen zusammengeführten Großpfarrei zu sprechen. Wo man etwa nicht mehr jedes Gesicht kennen könne.

Nachdenklich fügt er an: „Da ist für mich immer noch die Frage, ob der Weg der Fusion, wie er bei uns beschritten wurde, der einzig mögliche war, oder ob auch andere Formen denkbar gewesen wären. Ich bin mir nicht sicher.“

Sein Kirchenbild hat sich verändert

Büscher sagt das als Seelsorger, der weiß, dass Dinge sich wandeln und Menschen hinzulernen können. So wie er es in mehr als 35 Priesterjahren  an seinem eigenen Kirchenbild erfahren hat.

„Früher habe ich zum Beispiel gedacht: Wenn Leute etwas von der Kirche wollen, dann müssen sie kommen und sich auch auf unsere Ansprüche einlassen. Ich dachte: Sie müssen dann auch bereit sein, sich in die Gemeinde hinein zu begeben.“

„Jeder ist willkommen“

Heute sehe er das etwas anders. „Wer zum Beispiel wegen der Taufe seines Kindes kommt, der ist willkommen so wie er ist. Ich verspüre nicht mehr den Drang, dass er hinterher auch zum inneren Kern der Gemeinde gehört.“

Warum das so sei? Vielleicht habe er selbst sich verändert. Vielleicht sei es aber auch die Einsicht in die Wirklichkeit einer veränderten Welt, in der die Kirche im Leben der meisten Menschen nicht mehr vor, sondern neben anderen Dingen stehe.

Gastfreundschaft ist ihm sehr wichtig

Dass trotzdem jeder willkommen sei. Ein Grundsatz, der sich auch in dem Motto widerspiegelt, mit dem die Lohner ihren Pastoralplan überschrieben haben: „Come as you are (Komm wie du bist) – Wir alle sind Kirche.“

Eine Kirche, zu deren Wesen für Büscher ganz wesentlich Gastfreundschaft gehört. „Vergiss die Gastfreundschaft nicht, denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt“ – so lautet sein Primizspruch aus dem Hebräerbrief. Das ist für Pfarrer Büscher kein leeres Gerede. Als die Stadt Lohne vor zwei Jahren dringend Wohnraum für Flüchtlinge suchte, stellte er dafür kurzerhand eine Wohnung im Pfarrhaus zur Verfügung.

Er hat Flüchtlinge ins Pfarrhaus aufgenommen

Ein zupackender Praktiker. So wie man es von einem Priester erwartet, der seinen Weg nicht direkt über Abitur und Studium, sondern über die Priesterausbildung in der Praxis gemacht hat, nach einer Ausbildung zum Verwaltungsangestellten.

Dabei lebten die Anwärter vor dem Eintritt ins Priesterseminar für vier Jahre in einer Wohngemeinschaft, sammelten in einer Gemeinde praktische Erfahrungen und studierten nebenher. Rudolf Büscher ist der erste Absolvent des so genannten Ahlener Modells, der Domkapitular wird.

Keine Frage – er freut sich über diese Ehre und auf sein neues Amt. Und den Leuten, die ihn fragen, wie sie ihn denn nun künftig ansprechen sollen, sagt er: „Das können Sie sich aussuchen. Es passt alles.“

Was ist ein Domkapitular?
An jedem Sonn- und Feiertag sind sie im Dom präsent, doch ihre vornehmste Aufgabe ist in Münster die Beratung und Wahl des Bischofs, aber auch des Diözesan-Administrators, sobald der Bischofsstuhl leer („vakant“) ist. Dem Domkapitel gehören Bischöfe und Priester an. Es trägt Verantwortung für den Dom und handelt als Hausherr der Kathedrale. Das Domkapitel in Münster besteht aus zehn in Münster („residierenden“) und sechs außerhalb („nicht-residierenden“) lebenden Domkapitularen. Die Ernennung erfolgt durch den Bischof – „abwechselnd nach Anhörung und mit Zustimmung des Domkapitels“, wie es in den Statuten heißt. Darüber hinaus gibt es „Ehrendomherren“, etwa aus dem Bistum Münster stammende Bischöfe anderer Diözesen, die jedoch nicht Mitglied des Domkapitels sind. | mn