Infoabend in Westerkappeln zum sexuellen Missbrauch

Generalvikar: Bischof Tenhumberg handelte verantwortungslos

„Ich kann auch nur kopfschüttelnd davorstehen.“ So hat Generalvikar Klaus Winterkamp aus Münster auf die Tatsache reagiert, dass ein zu einer Haftstrafe verurteilter Priester des Erzbistums Köln im Bistum Münster eingesetzt wurde. Der Mann war 1972 „wegen fortgesetzter Unzucht mit Kindern und Abhängigen“ verurteilt worden und hatte 1988 eine Bewährungsstrafe wegen sexueller Handlungen an Minderjährigen erhalten.

Der heute 85-jährige Geistliche war ab 1975 auch in Westerkappeln tätig. Daher informierte Winterkamp dort über den Fall. Zu der rund 80 Minuten dauernden Veranstaltung waren rund 40 Teilnehmer gekommen, darunter auch mehrere vom Missbrauch betroffene Menschen. Hörfunk-Journalist Jan Niestegge von Radio RST moderierte das Gespräch.

Frings: Da steht man fassungslos vor

Als „vollkommen verantwortungslos“ bezeichnete Winterkamp die Entscheidung des damaligen Münsterschen Bischofs Heinrich Tenhumberg (1915-1979) und des Personalreferenten Prälat Wilhelm Stammkötter (1914-1985), den zuvor inhaftierten Priester in das Bistum Münster zu holen. Die beiden Verantwortlichen hätten von der Vorgeschichte gewusst; daher sei ihr Verhalten nicht zu erklären.

Auch für den Interventionsbeauftragten des Bistums, Peter Frings, ist dieser Schritt unerklärlich. „Da steht man fassungslos vor“, sagte Frings, der mit Winterkamp und dem heutigen Leiter der Hauptabteilung Seelsorge-Personal im Bischöflichen Generalvikariat, Karl Render, nach Westerkappeln gekommen war.

Bisher keine Missbrauchsfälle aus Westerkappeln bekannt

Ob der Priester seinerzeit auch in Westerkappeln sexuellen Missbrauch begangen hat, sei nicht bekannt, erklärte der Generalvikar. „Bisher haben wir keine Meldung bekommen.“ Der 85-jährige Priester lebe derzeit im Bistum Essen und sei gesundheitlich stark eingeschränkt.

Ein Grundproblem ist für Winterkamp, dass die meisten Täter keine Reue zeigen und es kein Bekenntnis ihrer Schuld gebe. Der Generalvikar äußerte Verständnis dafür, wenn der katholischen Kirche nach den vielen Missbrauchsfällen inzwischen nicht mehr geglaubt werde. Doch es sei nicht die vorrangige Aufgabe der Kirche, wieder Glaubwürdigkeit zu gewinnen.

Generalvikar: Aufklären, was aufzuklären ist

Im Mittelpunkt müssten vielmehr die Betroffenen stehen. „Wir haben da Schuld auf uns geladen“, sagte der Generalvikar. „Aufklären, was aufzuklären ist“, sei derzeit wichtig. Dabei hoffe er, dass die Historiker der Universität Münster unter Leitung des Geschichtsprofessors Thomas Großbölting dazu beitragen könne.

Zum Umgang mit den Missbrauchsfällen erklärte Winterkamp: „Wir lernen jeden Tag neu hinzu.“ Die Kirche sei hier ein „lernendes System“.

Frings: Nur wenig Dokumente

Der Interventionsbeauftragte Frings wies darauf hin, dass das Erzbistum Köln eine Anwaltskanzlei in München wegen der Missbrauchsfälle des Priesters eingeschaltet habe. Eine Schwierigkeit im Bistum Münster bestehe darin, dass es nur wenig Dokumente gebe.

Frings unterstrich, allen vom Missbrauch Betroffenen würden Hilfsangebote gemacht, zum Beispiel die Übernahme von Therapiekosten. Wenn Betroffene Vertraulichkeit wünschten, werde es diese auch geben. Strafanzeigen würden nur dann gestellt, wenn die Betroffenen dies wollten. Darin liege allerdings auch eine Schwierigkeit.