Gebremstes Frohlocken in den Festgottesdiensten

Gesangsverbot: Kirchenmusiker hat Tipps für Weihnachtsgottesdienste

  • Die neuen Corona-Vorgaben des Bistums verbieten das Singen der Gemeinde in den Weihnachtsgottesdiensten.
  • Kleine Chöre dürfen die Gottesdienste aber musikalisch gestalten.
  • Kirchenmusiker Andreas Müller aus Harsewinkel-Marienfeld will die Lieder sensibel auswählen, um die Gemeinde nicht zu überfordern.
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Die Freude überwiegt, sagt Andreas Müller. Der koordinierende Kirchenmusiker der Pfarrei St. Lucia in Harsewinkel wurde von den neuen Corona-Vorgaben des Bistums Münster für die Gottesdienste nicht überrascht. „Wir wussten ja, dass Einschränkungen kommen werden.“ Er sieht deshalb zunächst das Positive: „Die Gottesdienste an Weihnachten können stattfinden.“ Und die neue Situation sei für ihn kein Grund, „den Kopf in den Sand zu stecken“.

Die Gemeinde darf nicht singen – das ist in Müllers Augen eine nachvollziehbare, aber auch die schmerzlichste Vorgabe für die Weihnachtszeit. „Wir wissen alle, wie sehr der gemeinsame Gesang gerade zu Weihnachten die Gefühle anspricht.“ Ohne das gemeinsame Schlusslied, etwa „Oh, du fröhliche…“ oder „Stille Nacht…“, fehle für viele ein wichtiger Teil des Festerlebnisses.

Skurrile Situation verlangt Disziplin

Andreas Müller
Kirchenmusiker Andreas Müller aus Harsewinkel-Marienfeld will die Lieder für die Weihnachtsgottesdienste mit Bedacht auswählen.

In der Möglichkeit, die Gottesdienste mit kleinen Chören musikalisch gestalten zu können, sieht Müller die Chance, diesen Verlust zumindest teilweise auffangen zu können. Die Situation bleibt für ihn aber skurril. „Das stimmen wir auf der Orgelbühne oder im Chorraum ein bekanntes Lied an und die Gemeindemitglieder dürfen hinter ihren Masken nicht einstimmen.“ Das erfordert Disziplin, es wird vielen schwer fallen. Vielleicht müssen die Gottesdienstteilnehmer auch noch konkret darauf hingewiesen werden. Müller hat sich vorgenommen, diesen Hinweis mit dem Tipp zu ergänzen, dass das Mitsummen aber erlaubt ist.

Hört sich an wie ein gebremstes Frohlocken. Müllers 17-jährige Tochter, die in einem seiner insgesamt fünf Chören mitsingt, hat das Gefühl direkt nach der Bekanntgabe der neuen Verordnung auf den Punkt gebracht: „Was bin ich froh, dass ich auf der anderen Seite stehe und nicht in der Kirchenbank sitze.“ Der Kirchenmusiker will die Liedauswahl für die Weihnachtsmessen deshalb mit Bedacht treffen. „Wir können nicht einfach alle Strophen der großen Klassiker vortragen – das könnte die Gefühle der Menschen im Gottesdienst hart treffen.“ Er will auf eine Mischung setzen, bei dem auch Chor-Stücke vorkommen, die von der Gemeinde auch sonst nicht mitgesungen werden.

Körperliche und seelische Gesundheit

Einfach nur die Orgel spielen zu lassen und auf den Gesang gänzlich zu verzichten, ist für ihn keine Lösung. Er kennt die „berechtigte Forderung“ aus den vergangenen Monaten, immer wenn die Reduzierung des Infektionsgeschehens diskutiert wurde. „Dafür hat die Musik in der Liturgie aber einen zu hohen Stellenwert, weil mit ihr ein besonders emotionalerer Zugang zum Glauben möglich ist.“ Das ist für ihn auch eine Erfahrung des ersten Lockdowns. „Die vielen gestreamten Live-Gottesdienste war wunderbar und wichtig – doch die Gefühlsebene konnten sie nicht so erreichen wie mit dem gemeinsamen Gesang.“ Deshalb passt für ihn die jetzige Vorgabe des Bistums als eine Art Kompromiss: „Mit großer Vorsicht für die körperliche Gesundheit kann damit auch etwas für die seelische Gesundheit getan werden.“

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