GESELLSCHAFT

Warum Work-Life-Balance nicht mit freier Zeit gleichzusetzen ist

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Sorgearbeit bleibt in der politischen Debatte weitgehend unsichtbar. Dennoch ist sie für den sozialen Zusammenhalt unerlässlich.

Reformen im Sozialstaat stehen weit oben auf der innenpolitischen Agenda. Um die notwendigen Ressourcen, wie um den Erhalt sozialer Gerechtigkeit, wird heftig gerungen.

Die Debatte dreht sich nicht zuletzt um Arbeit: Für die meisten Menschen ist sie zentral, um auskömmlich und sozial integriert leben zu können, und sie ist ein Schlüssel zu gesellschaftlichem Wohlstand. Wenn nun aber vehement „Vollzeiterwerbstätigkeit“ als Norm propagiert und eine Beschränkung des Rechts auf Teilzeit gefordert wird, weil nur so das Wohlstandsniveau zu sichern sei, ist das eine bedenkliche Verengung. Als ob Sorgearbeit keine Arbeit wäre und nicht zum gesellschaftlichen Wohlstand beitrüge!

Welche Arbeit oft ausgeblendet wird

Die Autorin
Marianne Heimbach-Steins ist Seniorprofessorin für Sozialethik und sozialethische Genderforschung an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster.

Lebenswirklichkeiten, die nicht durch Vollzeiterwerbstätigkeit bestimmt sind, geraten unter Rechtfertigungsdruck, verschärft durch polemische Töne gegen „Work-life-Balance“ und böse Worte wie „Life-Style-Teilzeit“.

Die Mutter, die ihre Berufstätigkeit hintanstellt, um ein behindertes Kind zu versorgen, der Mann, der sich mit 61 pensionieren lässt, um seine demente Frau zu pflegen, Eltern, die gemeinsam für mehrere heranwachsende Kinder sorgen: Viele Menschen arbeiten sehr wohl in Vollzeit, allerdings (zu einem erheblichen Teil) nicht zum „Erwerb“, sondern unbezahlt in der Familie, in der Nachbarschaft, im Ehrenamt. Das wird ebenso ausgeblendet wie die Tatsache, dass viele Menschen, die gerne in Vollzeit erwerbstätig wären, keine entsprechenden Stellen finden können – zum Beispiel in der Pflege. Beides betrifft Frauen überproportional. Schließlich wird übersehen, dass manche Menschen nicht oder nicht so viel arbeiten können.

Stabilität der Gesellschaft gewährleisten

Für all diese Menschen und die von den Sorgenden Abhängigen heißt Work-Life-Balance, ihr Leben zu balancieren zwischen Job, Kinderbetreuung, Hausarbeit, Pflege, Ehrenamt – und möglichst auch noch etwas Zeit für Erholung, soziale Kontakte und die eigene Gesundheit zu finden, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.

Die Bedingungen für Teilhabe an Erwerbsarbeit zu verbessern, ist wichtig und notwendig. Das Thema aus dem Kontext zu reißen und zu moralisieren, führt aber nicht zum Guten. Politisch muss es darum gehen, in geteilter Verantwortung wirtschaftliche und soziale Stabilität der Gesellschaft zu gewährleisten, die Lebensführung für alle zu sichern, Teilhabe zu ermöglichen. Es geht um alle Formen von Arbeit, die Leben und Lebensunterhalt sichern (helfen). Und es geht um Anerkennung und sozial(staatlich)e Absicherung derjenigen, die Sorge dafür tragen, dass auch diejenigen würdig, sicher und gut leben können, die nicht, noch nicht oder nicht mehr für sich selbst sorgen können.

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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