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Leitungsteam aus Verwaltungsleiter und Pfarrer

Geteilte Pfarreileitung in Herten: So würden wir den Vatikan überzeugen

Seit Oktober 2019 praktiziert die Pfarrei St. Antonius in Herten das Modell der geteilten Leitung, ein Pilotprojekt. „Kirche-und-Leben.de“ sagen die Verantwortlichen, wie sie den Vatikan von ihrem Leitungsmodell überzeugen würden.

Seit Oktober 2019 praktiziert die Pfarrei St. Antonius in Herten das Modell der geteilten Leitung, ein zeitlich befristetes Pilotprojekt des Bistums Münster. Die Aufgaben teilen sich der Verwaltungsleiter der Pfarrei, Josef Vossel, und Pfarrer Norbert Mertens. Wie sie die vatikanische Leitungs-Papier aufgenommen haben und wie sie den Vatikan vom Hertener Leitungsmodell überzeugen würden, erklären die beiden Gemeinde-Verantwortlichen im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“.

Herr Mertens, Herr Vossel, wie haben Sie die vatikanische Instruktion zur Gemeindeleitung aufgenommen?

Josef Vossel: „Instruktionen aus dem Vatikan“ gehören nicht zu den Unterlagen, die automatisch auf meinem Schreibtisch landen. Auf diese Instruktion musste ich daher schon gestoßen werden. Ich hatte dann – zugegebenermaßen – einige Probleme, einerseits Sinn und Zweck dieser Ausführungen zu verstehen, und andererseits die Bedeutung der Instruktion für unser Projekt in Herten einzuordnen. Man kann bei einigen Aussagen durchaus irritiert sein, aber auch eine Erneuerung von Strukturen, die schrittweise erfolgt, kann zielführend sein.

Norbert Mertens: Als ich in der Einleitung von „einem neuen Gemeinschaftsstil“, einem „neuen Stil der Zusammenarbeit, der Begegnung, der Nähe, der Barmherzigkeit und der Sorge für die Verkündigung des Evangeliums“ gelesen habe (Instruktion, Nr. 2), hatte ich noch ein gutes Gefühl. Dieses Gefühl bestätigte sich, als ich dann zum Schlussteil blätterte und dort las, dass die Pfarrei sich „mit den aktuellen Veränderungen in der heutigen Kultur und im Leben der Menschen auseinandersetzen muss, um mit Kreativität Wege und neue Instrumente erproben zu können, die es ihr erlauben, ihrer erstrangigen Aufgabe zu entsprechen, d.h. ein pulsierendes Zentrum der Evangelisierung zu sein.“ (Nr. 122) – Da sind wir ja auf dem richtigen Weg! Das war die erste Einschätzung. Doch dann kam die Ernüchterung, das Entsetzen: es geht nicht um eine Einladung selbst konstruktiv nachzudenken, Zukunft der Kirche, der Pfarrei verantwortlich zu gestalten, sondern es geht um die Erhaltung eines Klerikalismus aus längst vergangenen Zeiten. Nicht nur, dass es in dieser Instruktion an innovativen Ideen fehlt, die der Lebenswelt der Menschen, und der Situation der Kirche hier in Deutschland gerecht wird. Solche Ideen, die von verantwortlichen Amtsträgern in der Kirche entwickelt worden sind, werden vom Tisch gefegt. Die salbungsvollen Worte der Instruktion, wenn es um die Überwindung der „Klerikalisierung der Pastoral“ und um „die Würde und die Freiheit der Kinder Gottes“ geht, „in deren Herzen der Heilige Geist wie in einem Tempel wohnt“. (vgl. Nr. 38) werden ad absurdum geführt. Es macht mich fassungslos!

In Ihrer Pfarrei St. Antonius starten Sie ein Pilotprojekt mit einer geteilten Gemeindeleitung. Welche Auswirkungen hätte ein vorzeitiges Ende dieser neuen Form von Gemeindeleitung?

Vossel: Ich bin mir auch nach der Lektüre der Instruktionen sicher, dass das Pilotprojekt in Herten in einen Regelbetrieb übergeleitet werden kann. Die Entlastung des Pfarrers durch die Weitergabe von administrativen Aufgabenbereichen hat sich bewährt. Welche Form und Bezeichnung diese Variante der geteilten Verantwortung nach den Vorgaben der Instruktion und des Kirchenrechts erhält, hat aus meiner Sicht nicht so eine herausragende Relevanz. Wichtiger ist, dass diese zeitintensiven Aufgaben fachlich kompetent erledigt werden und im Umkehrschluss Freiräume für die Seelsorge geschaffen werden können.

Mertens: Seit Oktober 2019 haben wir eine geteilte Gemeindeleitung: der Verwaltungsleiter ist verantwortlich für die Verwaltung und der Pfarrer für die Seelsorge. Wir machen damit durchweg positive Erfahrungen, was die Professionalität der Verwaltung und die Entlastung für den Pfarrer betrifft, der dadurch deutlich mehr Zeit hat für die Aufgaben der Seelsorge. Viele engagierte Mitglieder unserer Pfarrei sehen das als einen richtigen und wichtigen Schritt in die Zukunft einer lebendigen Pfarrei. Insofern gehe ich davon aus, dass dieses erfolgreiche Projekt auch weitergeführt wird. Welche Auswirkungen ein frühzeitiges Ende des Projektes haben würde, müsste dann mit Pfarreirat und Kirchenvorstand besprochen werden. Wenn der Pfarrer wieder mehr Zeit für die Verwaltung investieren muss, dann wird das auf jeden Fall negative Auswirkungen auf die Seelsorge haben. Bei vielen Gemeindemitgliedern würde ein vorzeitiges Ende auf Unverständnis stoßen.

Wenn Sie dem Vatikan einen Brief zur Instruktion aus Sicht einer typischen Ruhrgebietspfarrei schreiben würden: Welche Argumente brächten Sie vor, um den Vatikan von Ihrem Projekt zu überzeugen?

Vossel: Ich habe hier im Ruhrgebiet schon einige Pfarrer kennengelernt, bei denen schnell ersichtlich wurde, aus welcher Motivation heraus sie diesen schönen Beruf ergriffen haben. Einen solchen Menschen von Administration zu entlasten und ihm die Möglichkeit zu geben, nah beim Menschen zu sein, sehe ich als meine Aufgabe. Wenn Pfarreien die Impulse der Zeit aufnehmen sollen, dann muss auch berücksichtigt werden, dass im Lauf der Zeit bestimmte administrative Schwerpunkte – gerade in fusionierten Gemeinden – eine Bedeutung bekommen haben, die vor einigen Jahren noch nicht gesehen werden konnte. Das reicht vom Datenschutz über Arbeits- und Gesundheitsschutz bis hin zur Baumaßnahmenordnung, Steuergesetzgebung und vielem mehr. Bei aller Hilfsbereitschaft der Menschen hier im Ruhrgebiet und anderswo müssen auch die begrenzten Ressourcen des ehrenamtlichen Engagements berücksichtigt werden.

Mertens: Ich bin Priester geworden, um das Evangelium zu verkünden, den Menschen in ihrer Not beizustehen. Um das kompetent zu tun, habe ich fünf Jahre studiert. Ich versuche, in lebendiger Beziehung zu Jesus Christus meinen Dienst als Seelsorger zu gestalten.  Die Verwaltung einer Pfarrei habe ich nicht gelernt und ist auch nie oberstes Berufsziel gewesen. Mit dem Projekt der geteilten Leitung bin ich meiner eigentlichen Berufung – so wie ich sie verstehe – wieder einen erheblichen Schritt nähergekommen. Im Sinne einer verantworteten Leitung einer Pfarrei ist es meines Erachtens unumgänglich, in beiden Bereichen Fachleute einzusetzen, damit tatsächlich die Pfarrei ein „pulsierendes Zentrum der Evangelisierung“ sein kann. Im Sinn der Berufungspastoral wäre es gut, das Bild des Pfarrers deutlicher als Seelsorger zu profilieren. Der Pfarrer darf nicht zum Pfarrei-Manager werden, der für das, was er gelernt hat, keine Zeit mehr hat: bei den Menschen mit ihren Sorgen und Nöten zu sein und die frohe Botschaft zu verkünden!

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