Mehr als 1.000 Vertriebene in Telgte erwartet

Glatzer Wallfahrt: „Wir verarbeiten unsere Vertreibung“

Bei der 72. Jahreswallfahrt in Telgte am 24. und 25. August treffen sie sich alle wieder: Die Vertriebenen der Grafschaft Glatz aus Schlesien. Früher gehörte ihr Gebiet zu Deutschland, nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Grafschaft Glatz zu Polen – und rund 180.000 Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben.

Für die Vertriebenen bedeutet die Wallfahrt viel mehr; ein Heimattreffen: einmal alle wiedersehen, die damals im selben Dorf oder dem Dorf nebenan wohnten, das gleiche Schicksal teilten.

Großvater starb an „Strapazen der Vertreibung“

Jedes Jahr mit dabei ist Magdalene Schöngart aus Münster-Mecklenbeck. Als Achtjährige wurde sie 1946 mit ihren vier jüngeren Geschwistern, der Mutter und dem Großvater aus Thanndorf an der tschechischen Grenze vertrieben. Ihr Vater war 1944 im Krieg gefallen. Erst verlor die heute 80-Jährige ihn, dann ihre Heimat.

Zunächst kam die Familie in eine Sammelstelle in Mittelwalde in Niederschlesien. Von dort aus ging es mehrere Tage in Güterwaggons Richtung Westen, erst in ein Auffanglager in Marienfeld bei Harsewinkel, dann nach Warendorf. Am Ende zogen sie nach Borg­horst, wo der Großvater in der ersten Nacht gestorben ist. „Das waren die Strapazen der Vertreibung“, erzählt Schöngart. Sie war damals noch ein Kind, und trotzdem kann sie sich gut an alles erinnern. Es berührt sie immer noch. Beim Erzählen zittert ihre Stimme.

Ein eigenes Haus

In Borghorst konnte die Familie, nachdem sie in einer Gastwirtschaft und in der Familienbildungsstätte übernachtete, endlich in eine Wohnung ziehen. Dort lebten sie bis 1952; dann entschloss sich die Mutter, ein Haus zu bauen: „Es war ein Reihenhaus, in dem meine Mutter noch bis zu ihrem Tod gelebt hat.“

Magdalene Schöngart.
Magdalene Schöngart. | Foto: Melanie Ploch

Schöngart besuchte die Volks- und Handelsschule, arbeitete in der Buchhaltung einer Textilweberei und in einem Haushalt, um das Kochen zu lernen. Zuletzt arbeitete sie im Generalvikariat des Bistums Münster, mit einer Unterbrechung, da sie heiratete und drei Kinder bekam. Seit 30 Jahren wohnt sie jetzt mit ihrem Mann in Mecklenbeck, seit 1998 ist sie Rentnerin.

Wallfahrt ist „ein unglaublich wichtiges Anliegen“

Auf die Wallfahrt freut sich die 80-Jährige. „Ich bin schon als Kind mit meiner Mutter zur Wallfahrt gefahren. Es war ihr ein unglaublich wichtiges Anliegen.“ Bis zuletzt reisten Schöngart und ihre Schwester mit der Mutter zur Jahreswallfahrt der Grafschaft Glatz nach Telgte: „Am Anfang hat sie uns immer mitgenommen, und als sie älter wurde, haben wir sie mitgezogen.“

Ab 1956 ging sie selbstständig zur Wallfahrt nach Telgte. Der Entschluss kam, als sie wie viele andere jugendlichen Grafschafter der Jungen Grafschaft angehörte. Für alle war das Ereignis etwas Besonderes: „Das Beten gehörte dazu. Meine Familie war katholisch und wir hielten daran fest. Aber es war auch immer schön, die Verwandten und Thanndorfer wiederzutreffen.“

Grafschafter werden weniger

Vor allem geht es bei der Wallfahrt freundschaftlich zu: „Es ist schön, mit den Grafschaftern Gespräche zu führen. Irgendwie verarbeiten wir so das, was wir erlebt haben.“

Früher versammelten sich die Menschen in den verschiedenen Lokalen, die nach den alten Dörfern in der Grafschaft Glatz aufgeteilt waren. So traf Schöngart viele Jahre ehemalige Thanndorfer. Mittlerweile ist das anders: „Die kann man an einer Hand abzählen. Es sind viele bereits gestorben. Wir treffen uns trotzdem unter uns alten Grafschaftern, aber es nehmen natürlich weniger Leute an der Wallfahrt teil.“

Jüngere Generation stark vertreten

In den Anfängen seien 7.000 bis 10.000 Menschen nach Telgte gekommen – heute, sagt die 80-Jährige, sind es etwa 1.000 bis 1.500. Die jüngere Generation sei trotzdem stark vertreten: „Es gibt eine junge Gemeinschaft, die sehr aktiv ist. Die Nachfolge ist gut organisiert.“

Auf ihre Herkunft ist Schöngart stolz: „Ich bin glücklich, Grafschafter zu sein und meinen Charakter aus diesem Land zu haben. Wir sind anfangs sehr reserviert; aber wenn wir mit einem Menschen vertraut sind, dann hält es ein Leben lang“, sagt sie und muss lächeln.

Besuche in der alten Heimat

Ihre Heimat Thanndorf, heute Jodłów, hat die 80-Jährige bereits einige Male besucht: „Meine Erinnerungen waren voll mit Sonnenschein und Spielen. Als ich dann zum ersten Mal da war, hat es geregnet, viele Häuser waren weg oder verkommen. Die nächsten Male schien dann aber die Sonne und alles andere habe ich so angenommen. Den Kopf hatte ich dann frei. Mein Elternhaus steht bis heute.“

Die Grafschaft Glatz
Die Grafschaft Glatz (dunkelrot). | Grafik: Eva Lotta Stein, Martin Schmitz
Die Grafschaft Glatz gehörte zum böhmischen Herrschaftsgebiet und fiel im 18. Jahrhundert nach den Schlesischen Kriegen an Preußen. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die Region in die Provinz Schlesiens eingegliedert.
Nach dem Zweiten Weltkrieg stand sie unter polnischer, teilweise russischer Verwaltung und gehörte am Ende zu Polen. Die deutsche Bevölkerung wurde 1946 in den Westen nach Nordhrhein-Westfalen und Niedersachsen vertrieben.
Geprägt war die Region vor allem durch Forst- und Landwirtschaft, Bergbau und reichem Rohstoffvorkommen. Viele Wälder und Gebirge bestimmten die Landschaft.
Die Bevölkerung war fast ausschließlich katholisch. Die Grafschafter pilgerten vor allem zu den Marienwallfahrtsorten in Albendorf, Maria Schnee, nach Glatz und Altwilmsdorf.
Diese Tradition lassen die Vertriebenen noch heute bestehen und unternehmen Wallfahrten zu Marienwallfahrtsorten, wie zum Beispiel Werl. Die Jahreswallfahrt führt seit über 70 Jahren am letzten Wochenende im August zur Gnadenmutter von Telgte.
Aus der Grafschaft geht der selige Gerhard Hirschfelder (1907-1942) hervor.