Der Bielefelder Florian Renner predigt mit Tricks

„Gospelmagic“ macht den Altarraum zur Zauberbühne

Für Florian Renner fängt der Auftritt ganz unmagisch an. Er muss noch die Lautsprecherboxen im Altarraum aufbauen. Dann rollt der 35-jährige Bielefelder den Zaubertisch vor und legt die Utensilien für die Show bereit. Eine entspannte Atmosphäre herrscht beim jährlichen Seniorennachmittag in der Erlöserkirche der evangelischen Kirchengemeinde Gütersloh. Die 150 Zuschauer wissen nicht, was sie gleich erwartet: Sie sollen mit christlicher Zauberei unterhalten werden.

Wo ist die Dame?

Nach dem Grußwort der Pfarrerin und dem Singen gemeinsamer Lieder wird der Altarraum zur Bühne für Florian Renner und seine „Gospelmagic-Botschaft“. Ausgerechnet jetzt streikt das Mikrofon: Der Eröffnungsgag geht in die Hose. Doch Florian Renner bleibt gelassen. Als Zauberprofi und Erzieher mit einer halben Stelle in einer Kindertageseinrichtung weiß er, kniffelige Situationen zu meistern.

„Wo ist die Dame?“, macht er mit einem klassischen, überdimensionalen Kartentrick weiter. Das Publikum rätselt: „Ist sie hinter der rechten Karte?“, fragt eine Zuschauerin aus der ersten Reihe. „Sie hätten auf ihren Sitznachbarn hören sollen“, antwortet Florin Renner lächelnd. Der hatte „links“ geflüstert. Doch auch da liegt die Karte nicht, sondern auf dem Zaubertisch: Staunen macht sich breit, dann tosender Applaus. Florian Renner hat die volle Aufmerksamkeit des Publikums.

Theologischer Inhalt einer Zaubershow

Den theologischen Inhalt einer solchen 45-Minuten-Show  passt der Künstler behutsam der Zielgruppe an: „Ältere Menschen kennen noch den Zauberer mit Zylinder und Kaninchen. Also bringe ich diese Nummer meist an zweiter Stelle, auch um das Eis zu brechen.“

In der Erlöserkirche der evangelischen Gemeinde Gütersloh darf gezaubert werden: Hier zeigt Florian Renner einen Entfesselungstrick. | Foto: Marie-Theres Himstedt
In der Erlöserkirche der evangelischen Gemeinde Gütersloh darf gezaubert werden: Hier zeigt Florian Renner einen Entfesselungstrick. | Foto: Marie-Theres Himstedt


Wenn die Erwartungen des Publikums erfüllt sind, baut er Stück für Stück sein Programm entlang seiner Biografie auf. Für Florian Renner ist jedes Zauberkunststück ein persönliches Glaubenszeugnis. Bis zu zwei Jahren übt er an einem komplexen Trick, bis alles sitzt und die Moderation steht.

Hilfe holt er sich dabei von Händlern für Zaubereibedarf oder Kollegen aus dem ökumenischen Verein „Gemeinschaft christlicher Zauberkünstler“. 120 Mitglieder aus Deutschland und der Schweiz zählt das Pendant zum säkularen Zauberer-Club „Magischer Zirkel“ mittlerweile.

Mit Zaubertricks von Gott erzählen

Auf der Bühne schlägt der evangelische Diakon die Brücke zum Thema Bibel und Zaubern wie von selbst: „Ich mache das, weil Zaubern ein tolles Medium ist, von Gott zu erzählen“, sagt er und zeigt dabei seinen Zauberhandschuh herum. Er berichtet dem Publikum von den Bibelgeschichten, die ihn als Kind besonders beeindruckt haben. Immer wieder wendet er den Handschuh und hält ihn hoch. Die unterschiedlichsten Motive kommen zum Vorschein: Die Arche schlingert auf dem blauen Wasser, dann ist die weiße Taube zu sehen und zum Schluss Noah. Wer genau mitzählt, weiß natürlich, dass der Handschuh ein so genanntes Erzählsäckchen ist. Über das Wenden kommen versteckte Stofflagen mit immer neuen Motiven zum Vorschein. Zum Schluss taucht ein großer, bunter Regenbogen auf der Hand des Zauberers auf: „Ich bin bei euch, über den Tod hinaus. Das hat Gott nicht nur Noah versprochen, sondern uns allen“, beschließt der Künstler die Nummer.

Interview mit dem „Zauberpater“:
Was der Steyler Missionar und Zauberkünstler Hermann Bickel von Gospelmagic hält, lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von Kirche+Leben.
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Florian Renner zaubert seit seinem sechsten Lebensjahr. Seine Inspiration waren die heute berühmten „Ehrlich Brothers“ aus Ostwestfalen-Lippe.

Christliches Zaubern

Als 20-Jähriger engagierte sich Renner zunehmend in der Kinder- und Jugendarbeit seiner Kirchengemeinde: „Ich habe gemerkt, wie ich über kleine Tricks Kinder für die Geschichten der Bibel begeistern konnte.“ So kam der gebürtige Versmolder  zum „christlichen Zaubern“: „Ich glaube, dass wir gerade in der heutigen Zeit, in der immer mehr Leute aus der Kirche austreten, viel Individualität in der Verkündigung brauchen. Etwas, was die Leute anspricht, sie begeistert und mitnimmt.“

Gospelmagic scheint zu funktionieren. Renners Shows auf dem Evangelischen Kirchentag 2017 in Berlin waren jedenfalls immer voll besetzt. Auch Pfarrerin Karin Brunken in Gütersloh ist begeistert: „Ich finde diesen Auftritt theologisch sehr gehaltvoll.“

Blitze aus der Bibel

Im Alltag jongliert der Vater einer fünfjährigen Tochter mit den Terminen, um seine zwei Jobs als Erzieher mit religionspädagogischem Auftrag und als Zauberer unter einen Hut zu bekommen.

Wenn aus einem Regenschirm Gottes gute Wünsche werden, dann hat Florian Renner ein tolles Kunststück vollbracht. | Marie-Theres Himstedt
Wenn aus einem Regenschirm Gottes gute Wünsche werden, dann hat Florian Renner ein tolles Kunststück vollbracht. | Marie-Theres Himstedt

Es werde schwerer, Menschen für kleine Dinge zu begeistern: „Manchmal hat jemand im Publikum schon schlechte Erfahrungen mit Zauberern gemacht. Scherze auf Kosten anderer gibt es bei mir nicht.“ Das Schönste am Zaubern sei, dass es unterschiedliche Generationen begeistere. Um mit einem schelmischen Lächeln hinterherzuschieben: „Ich sage immer, wer uns zuschaut, weiß, dass er angelogen wird.“

Aus dem Nichts blitzt aus der Bibel, die der Zauberer mit beiden Händen öffnet, eine Stichflamme. „Ach, Gott!“, entfährt es verblüfft einem Gast, und Florian Renner sagt: „ja, genau, für den mache ich das.“

Was ist Gospelmagic?
Gospelmagic nutzt Zauberkunststücke wie Tricks, Illusionen und optische Täuschungen, um kreativ und bildhaft von Jesus zu erzählen. Gospel steht im Englischen für „Evangelium“ und „Frohe Botschaft“. Seinen Ursprung hat diese Predigt-Kunstform in den 1950er Jahren in den USA.
Nicht das Christsein des Künstlers oder der Aufführungsort in der Kirche machen Zauberkunst zu Gospelmagic, sondern der Zauberer. Er hat das Ziel, den Zuschauern neben Unterhaltung auch eine biblische Botschaft zu vermitteln. Seit 2016 gibt es in Deutschland die ökumenische „Gemeinschaft christlicher Zauberkünstler“.