Vertraute Gebete wecken Erinnerungen

Gottesdienste für Demenzkranke in Cloppenburg

Das Vaterunser sprechen fast alle mit. Auch die, die bei den Liedern noch still geblieben waren. Auch der grauhaarige Mann im Rollstuhl, der eben noch unablässig seine Finger gezählt hat, blickt jetzt zum Altar. Genau wie die Dame im roten Mantel, die den Takt der Melodien mit der Hand mitgeschlagen hat.

Als Diakon Peter Sandker in das vollbesetzte Halbrund der Kapelle des Cloppenburger Altenheims St.-Pius-Stifts schaut und ansetzt: „Lasst uns beten, wie der Herr uns zu beten gelehrt hat!“, da sind die meisten bei der Sache und richten den Blick nach vorne, „Vater unser im Himmel...“.

Der Glaube lebt in ihnen weiter

Das können sie, da fühlen sie sich sicher, anders als sonst oft. Einige der Teilnehmer dieses Gottesdienstes erkennen weder ihre eigenen Kinder noch wissen sie das aktuelle Datum. Demenz hat ihr Bewusstsein vernebelt.

Hier soll das anders sein. Denn: Es ist ein besonderes Angebot der Cloppenburger St.-Andreas-Gemeinde, speziell für „Menschen mit demenzieller Erkrankung“, wie der Ständige Diakon in der Sprache der Fachleute erklärt. Für Menschen, die vieles vergessen haben, in denen aber der Glaube weiter lebt.

Eingängige Sprache, kurze Texte

Auf sie hat Peter Sandker alles abgestimmt. Die Texte sind kurz, die Sprache einfach und eingängig. Von den Liedern wird jeweils nur eine Strophe gesungen.

Regelmäßig lädt die St.-Andreas-Gemeinde zu solchen Wortgottesdiensten ein. Vor zweieinhalb Jahren hatte Peter Sandker, im Zivilberuf stellvertretender Leiter Altenpflegeschule des St.-Pius-Stifts, die Idee dazu.

Weil sie noch sehr viel mitbekommen

 „Bis dahin hatte ich das gar nicht auf dem Schirm“, sagt er. Sein Eindruck: „Leider bleiben viele weg, sobald ein Arzt die Diagnose Demenz erstellt hat.“ Oft genug Menschen, die sich ihr Lebtag zur Gemeinde gehörig gefühlt hätten.

Manche kämen wohl auch deshalb nicht mehr, weil Angehörige meinten: „Die haben da ja nichts von. Die bekommen ja doch nichts mit.“ Peter Sandker  schüttelt aber den Kopf. „Das stimmt aber nicht! Wir erleben hier oft genug etwas von ihrer tief sitzenden Spiritualität. Und außerdem: Der Mensch hat von allem etwas! Sonst bräuchte man Menschen mit Demenz ja auch nicht mehr im Altenheim zu besuchen.“

„Jeder ist gleich wertvoll“

Mal ganz abgesehen vom christlichen Menschenbild. „Das gilt für uns, und danach ist schließlich jeder Mensch gleich wertvoll“, betont Sandker, „egal, ob gesund oder krank, alt oder jung. Deshalb haben wir uns auch zu kümmern!“

In den besonderen Gottesdiensten im Cloppenburger Altenheim spüre er intensiv, wie sehr Glaube und Religion in Menschen verwurzelt seien, trotz aller Vergesslichkeit. Zum Beispiel, wenn er erlebe, wie viele alte Lieder und alte Gebete sie auswendig könnten. „Ein großer Teil der Erinnerungen mag weg sein  – diese bleiben lange“, ist Sandker sich sicher.

Altenpflegeschüler machen es möglich

Rund 140 Teilnehmer haben an diesem Morgen Platz gefunden im Halbrund um den Altar. An der langen Wand gegenüber dem Altar sitzen diejenigen, die noch laufen können. Ihre Rollatoren stehen Griff an Griff an der Seitenwand aufgereiht. In den Gängen zwischen den Bänken haben Rollstuhlfahrer Platz gefunden. Die meisten Heimbewohner sind mit Begleitern hier, darunter auch viele Schüler der Cloppenburger Altenpflegeschule. Sie machen manchen Senioren die Teilnahme am Gottesdienst erst möglich.

Im Unterricht hat der Diakon die angehenden Altenpfleger auf den Wortgottesdienst vorbereitet, ihnen zum Beispiel den Unterschied zu einer Eucharistiefeier erklärt. Denn: Es sind nicht nur Katholiken, sondern auch Protestanten, Pfingstler, Baptisten, Muslime oder Konfessionslose unter seinen Schülerinnen und Schülern. „Sie helfen und sie profitieren auch selbst davon“, sagt Peter Sandker. „Denn die Begegnungen wirken auch auf die jungen Leute zurück.“

Auch die Senioren legen Zeugnis ab

Oft genug schon hätten Altenpflegeschüler ihm hinterher erzählt, wie sehr sie das beeindruckt habe: der tief verankerte Glaube von Menschen, bei denen man nicht damit rechne.

Menschen, die sonst kaum noch sprechen können, die aber im Gottesdienst mitsingen. Für den Diakon ein wichtiges Zeichen: „Weil da alte, kranke Menschen in all ihrer Gebrechlichkeit und Schwäche Zeugnis ablegen gegenüber den Jüngeren.“

Die meisten wissen, dass sie in einer Kirche sind

Auch wenn sie sonst Schwierigkeiten haben, sich zu orientieren – „hier wissen die meisten, dass sie in einer Kirche sind“, sagt Sandker. Manchen ist das geradezu an den Gesichtern abzulesen. Wie der Frau mit dem grüngeblümten Kopftuch, die mit gefalteten Händen dasitzt und ihren Blick unablässig auf die Kerzen im  Altarraum gerichtet hält.

Peter Sandker spürt die Konzentration auch an der andächtigen Stille oder an der Ehrfurcht, mit dem die Teilnehmer die Kommunion empfangen. „Bleiben Sie sitzen. Wir kommen zu ihnen!“ hat der Diakon erklärt, bevor er mit Kelch und Hostien durch die Bänke geht.“

Fünfmal im Jahr lädt die St.-Andreas-Gemeinde in Cloppenburg zu besonderen Gottesdiensten für Menschen mit Demenz ein, seit zweieinhalb Jahren. Die Wort-Gottes-Feiern mit Kommunionausteilung sind offen für jeden, orientieren sich aber in der Gestaltung an den Bedürfnissen von Menschen mit dementieller Erkrankung. Diakon Peter Sandker, der stellvertretende Leiter der Altenpflegeschule St. Pius, bereitet die Feiern vor. Er sagt: „Das Besondere liegt bei diesen Gottesdiensten in der Auswahl der Gebete, der einfachen Sprache. Wir dürfen die Teilnehmer nicht überfordern.“ Besonders wichtig sei Singen. „Auch wenn die Menschen über Gespräche nicht mehr zu erreichen sind – Singen, das klappt.“