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Die Begegnung Jesu mit einer Kanaanäerin zeigt, dass es Grenzen braucht. Aber sie dürfen nicht zu Abschottung führen, sagt Thomas Söding.
Ein einziges Streitgespräch hat Jesus verloren: Eine Frau hat ihn mit seinen eigenen Waffen geschlagen. Genauer: eine Kanaanäerin, also keine Jüdin, sondern eine Fremde, eine Heidin. Vor allem aber: eine Mutter, die für ihr krankes Kind kämpft. Es wird „von einem Dämon gequält“, hat also eine unerklärliche Krankheit zu erleiden. Jesus soll helfen. Er sagt aber, nicht zuständig zu sein, weil er nur „zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ gesandt sei. Als die Frau zu ihm dringt, weist er sie ab: Man solle das Essen nicht Kindern wegnehmen, um es Hunden zu geben.
Einerseits ist das wahr: Es ist pervers, wenn die Regale mit Luxus-Tierfutter überquellen und Kinder nicht genug zu essen haben – auch in unserer Nähe. Andererseits ist der Tiervergleich empörend. Er bringt eine Abschätzigkeit zum Ausdruck, die weder Mensch noch Tier gerecht wird.
Genug für alle
Der Autor
Thomas Söding war bis 2026 Professor für die Exegese des Neues Testaments an der Ruhr-Universität Bochum. Als Berater der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz und Vizepräsident des ZdK engagiert er sich für Reformen in der katholischen Kirche. Er lebt in Münster.
Jesus sagt um der Heiligkeit des Gottesvolkes willen „Nein“. Aber die Frau gibt nicht klein bei. Sie bestätigt: Man soll nicht Kinder hungern lassen, um Hunde zu füttern; es gibt eine Grenze zwischen Juden und Heiden. Aber diese Grenze ist durchlässig. Sie wird zum Korridor. Durch Teilen. Wenn am Tisch eines Hauses die Kinder zu essen bekommen, fällt schon einmal etwas zu Boden. Bis heute freuen sich viele Hunde über diese Bissen. Übertragen: Es ist mehr als genug für alle da, für Kinder und Hunde, für Juden und Heiden. Es ist möglich, zu teilen, ohne zu darben.
Die Frau hat Jesus überzeugt: „Dein Glaube ist groß.“ Ihr Herzenswunsch wird erfüllt, ihre Tochter ist geheilt. Die Grenze zwischen Juden und Heiden bleibt – aber sie trennt nicht, sondern verbindet.
Gott für alle
Das ist politisch brisant. Politik ist begrenzt. Also braucht sie Grenzen. Aber Korridore auch. Grenzenlosigkeit überfordert, aber Abschottung schadet. Was macht Grenzen zu Korridoren? Der Glaube an Gott und die Würde der Menschen. Der eine Gott ist der Gott für alle.
Not schreit nach Hilfe – und Solidarität darf nicht schon deshalb verweigert werden, weil die andere Person aus einem anderen Land kommt. Es ist nicht möglich, allen gleichermaßen zu helfen; es ist dumm, sich ausnutzen zu lassen. Aber humanitäre Korridore, wie sie Sant’Egidio gestaltet, sind ein Mittel, Freiheit und Sicherheit zu verbinden. Wie es geht, hat die Frau vorgemacht. Grenzüberschreitend.
In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.