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Institut für Theologische Zoologie feiert am 15. Dezember zehnjähriges Bestehen

Hagencord: In den Tieren kommt uns Gottes Segen entgegen

Der Leiter des Instituts für Theologische Zoologie in Münster ist der Priester und Biologe Rainer Hagencord. Er sagt, welchen Stellenwert die Arbeit der Einrichtung hat, wie sie sich finanziert und welche Bedeutung die Tiere haben.

Das Institut für Theologische Zoologie mit Sitz in Münster wird am 15. Dezember zehn Jahre alt. Dessen Gründer und Leiter Rainer Hagencord sagt, was das Institut bisher erreicht hat, wo es Probleme gibt und was er sich für die Zukunft wünscht.

Herr Hagencord, was war für Sie in den zehn Jahren des Instituts für Theologische Zoologie der wichtigste Meilenstein?

Zunächst fällt mir die Enzyklika des Papstes „Laudato si“ ein, die 2015 erschienen ist. Darin spricht er vom Eigenwert der Geschöpfe und davon, dass wir Menschen einen despotischen Anthropozentrismus überwinden müssen. Das bedeutet: Weg von einer Haltung, die davon ausgeht, dass die ganze Erde für den Menschen da ist, hin zu einer Haltung des Dienens. In der Enzyklika heißt es nicht: „Macht euch die Erde untertan“, sondern: „Macht euch der Erde untertan.“

Wie wirken sich die Aussagen der Enzyklika konkret auf die Arbeit des Instituts aus?

Der Papst schlägt eine Methode vor, die wir im Institut seit zehn Jahren beherzigen: dass wir naturwissenschaftliche Er­kennt­nisse sammeln und damit umgehen, damit unsere Theo­logie glaubwürdig wird. Wir können nicht über die Erde und die Schöpfung reden, ohne zur Kenntnis zu nehmen, was aktuell die Wissenschaften sagen.In den zehn Jahren haben wir viele Lehrveranstaltungen und Fortbildungsmaßnahmen durchgeführt und große Bildungsprojekte auf den Weg gebracht.

Was hat Sie in der Zeit persönlich besonders berührt?

Spontan fällt mir eine Begegnung mit unseren beiden Eseln ein, die seit drei Jahren hier am Haus Mariengrund sind – unsere Mitarbeiter. Eine Gruppe von Schlaganfall-Patientinnen und -patienten war bei uns zu Gast. Ich habe sie eingeladen, mit auf die Weide zu gehen. Fridolin kam direkt zu den Menschen. Eine Dame hatte den linken, gelähmten Arm am Körper fixiert. Fridolin hat die ganze Zeit mit seinen sanften Lippen die Hand dieser Frau liebkost. Sie war sehr bewegt – und sagte hinterher, ihr Arm sei völlig entspannt gewesen. Die Lähmung war für eine Zeit völlig verschwunden. Die Esel waren total präsent, vorurteilslos. Absolut zugewandt. Voller Liebe. Das sind Vokabeln, die wir auf Gott hin sagen. Tatsächlich kommt uns in den Tieren auch der Segen Gottes entgegen, und wir erleben bei ihnen das, was wir von Gott her auch sagen: dass er uns ganz nahe ist und gleichzeitig ganz fremd. Das ganz Andere ist bei den Eseln letztlich auch spürbar. Sie bleiben fremd, und das Geheimnis, das sie ausmacht, ist groß. Das ist das Wunderbare an der Begegnung mit den Eseln.

Ist das Institut durch die Arbeit mit den Tieren mit der Zeit geerdeter geworden?

Ich finde das Wort „geerdet“ gut. Es ist geerdet, und das eine ging nicht ohne das andere. Das Institut, 2009 gegründet, hatte zunächst die Schwerpunkte  Bildung, Publikationen und Vortragsarbeit. Es hatte keinen Ort außer meinem Büro. 2015 haben wir nach einem Ort gesucht, wo wir als Institut ansässig werden und Tiere halten können. Wir sind im Haus Mariengrund fündig geworden – ein echter Glückstreffer. Das trägt dazu bei, dass wir geerdet sind: Bei allen Lehrveranstaltungen und Bildungsprogrammen können wir hier mit Erfahrungen umgehen. Wir wollen hier positive Erfahrungen mit der Natur, mit Tieren vermitteln, um zu einem anderen Verhältnis, zu Wertschätzung der Tiere und einer menschlicheren Welt zu kommen.

Glauben Sie, dass die Bistumsleitung Ihre Arbeit schätzt?

Zunächst danke ich dem Bischof sehr, dass er mich für meine Arbeit freigestellt hat. Das ist nicht selbstverständlich in der schweren Zeit des Priestermangels. Ansonsten erlebe ich eine große Ungleichzeitigkeit. Damit meine ich, dass sehr viele Anfragen kommen – auch seitens des Bistums. Pfarreiräte, Firm- und Erstkommmunionkatechetinnen und -katecheten, ganze Klassen aus kirchlichen Schulen kommen hierher, schätzen unsere Arbeit und sehen ein großes Hoffnungs-Potenzial im Projekt der theologischen Zoologie. Die andere Seite ist, dass wir weiterhin keine Existenzsicherung haben. Also: Außer meinem Gehalt haben wir überhaupt kein Geld.

Das Institut existiert also von Spenden.

So ist es. Wir hatten in den letzten Jahren zwei größere Bildungsprojekte, die von Stiftungen getragen wurden. Aber jetzt, da die Gelder nicht mehr fließen, habe ich letztlich keine Mitarbeiterinnen mehr. Das ist existenzbedrohend.

Und die inhaltliche Seite?

Für viele in der Kirche ist das Thema weiterhin fremd. Und was ich nicht verkennen darf, ist der große Konflikt, den ich mit dem Bauernverband hatte. Von Seiten der Landwirtinnen und Landwirte, die konventionell arbeiten, gibt es ein unglaubliches Potenzial an Widerstand gegen mich und meine Arbeit – das erreicht  natürlich auch den Bischof und die Bistumsleitung.

Können Sie denn die Landwirte, die einen Familienbetrieb haben und um ihre Existenz bangen, nicht auch verstehen?

Absolut! Ich hatte kürzlich eine Gruppe aus Dülmen hier. Eine Dame war dabei, die einen Schweinemast-Betrieb hat. Das war just die Zeit, als die Bauernproteste waren. Wir waren uns einig, dass das Problem des Elends der Landwirtschaft die Politik und der Bauernverband ausmachen. Seitdem das Landwirtschaftsministerium in den Händen der CDU/CSU ist, hat es zusammen mit dem Bauernverband immer nur die großen Betriebe ge­stärkt. Seit dieser Zeit herrscht das Motto: Wachse oder weiche.Immer mehr Höfe sterben, immer mehr kleine Betriebe sterben, weil der Bauernverband plus Landwirtschaftsministerium eine völlig falsche Politik betrieben haben. Sie hätten damals schon auf Ökologie und Nachhaltigkeit setzen sollen. Das haben sie aber nicht getan. Da waren die Besucherin und ich uns einig.Das andere ist, dass die Landwirtinnen und Landwirte natürlich abhängig sind von dem Preis, den sie für ihre Produkte erzielen. Da kommt unsere Gesellschaft ins Spiel, die weiterhin nicht bereit ist, mehr Geld für Lebensmittel auszugeben.

Zurück zur Kirche. Zurzeit ist sie ja mit vielen brennenden Themen befasst. Hat Ihre Arbeit da überhaupt eine Chance, wahrgenommen zu werden?


An der Stelle nicht. Meine Arbeit wird aber woanders gehört und sehr gewürdigt – oftmals außerhalb der Kirche. Auch die Enzyklika „Laudato si“ wird außerhalb der Kirche sehr stark aufgegriffen – und innerhalb der Kirche verschwindet sie fast. 

Was wünschen Sie sich für die nächsten zehn Jahre?

Zum einen wünsche ich mir Planungssicherheit. Das andere ist: Wir sind mitten in der ökologischen Katastrophe. Das bestätigt auch die Wissenschaft. Ich bin da sehr biblisch, indem ich sage: Was wir machen können, ist: Archen bauen. Weil wir den Mainstream, den furchtbaren Kapitalismus, der die Welt im Griff hat, nicht abstellen werden. Ich bin da sehr nüchtern. Ich sehe, dass die Politik die ökologische Katastrophe nicht wahrnimmt. Darum ist meine Hoffnung, dass wir in den nächsten zehn Jahren mehr und mehr Archen bauen. Dass wir Lebensräume schaffen für Pflanzen und Tiere, und dass wir an diesem Ort eine tiefe Schöpfungs-Spiritualität erleben können.

Meinen Sie damit auch Archen für Menschlichkeit?

Ja – wie die Bibel das auch deutlich sagt. Wenn es Menschen gibt, die den Frieden mit der Schöpfung wollen und eine klare Entscheidung für eine nachhaltige und ökologische Spiritualität leben, dann sind sie richtig am Platz. Der Fokus sollte schon darauf liegen, dass wir den Lebensraum der Pflanzen und Tiere wertschätzen und würdigen. Ohne sie können wir auf Dauer nicht überleben.

Der Gedanke der Archen  hätte aber isolierte Inseln zur Folge ...

Ja, wir können diese allerdings miteinander verbinden.Ich unterscheide zwischen Optimismus und Hoffnung. Optimist bin ich nicht. Schon in zehn Jahren kann es zum Zusammenbruch der Ökosysteme kommen. Wohin das führt, können wir uns kaum ausmalen.Doch die Hoffnung sagt: Gestaltet Inseln des Lebendigen! Das geht. Und das Leben geht weiter. Das Ende der Arche-Noah-Erzählung ist ja, dass alle Tiere wieder entlassen werden, dass Gott den Regenbogen in die Wolken setzt und sagt: Ich denke an den Bund, den ich schließe mit euch und allen Tieren.

Das Institut für Theologische Zoologie wurde 2009 von Rainer Hagencord gegründet. Seinen Sitz hat es inzwischen in Haus Mariengrund in Münster. Schirmherrin ist die weltbekannte Schimpansen-Forscherin Jane Goodall. Mit der Zeit entwickelten sich Kooperationen, zum Beispiel mit dem Klostergarten der Kapuziner in Münster.

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