Der eigentliche Konflikt unserer Zeit ist deshalb ein Konflikt der Hermeneutik: Wie verstehen und deuten wir Wirklichkeit? Es gibt religiöse und weltanschauliche Deutungen, die auf die großen Kulturfragen unserer Zeit einfache Antworten versprechen, einen neuen Antichristen konstruieren und die Sehnsucht nach Orientierung sowie das Schutzbedürfnis vieler Menschen rücksichtslos instrumentalisieren.
Dem treten wir als Kirche(n) entschieden entgegen. Wo der Glaube zur Ideologie wird und religiöse Sprache dazu dient, Angst zu schüren oder Menschen gegeneinander aufzubringen, verliert er seine Wahrheit. Sehr geehrte Damen und Herren, wenn Freiheit Wahrheit braucht, wenn Angst Freiheit bedroht und wir uns in einem kulturellen Streit um die Deutung der Wirklichkeit befinden, dann stellt sich die entscheidende Frage: Welche Verantwortung folgt daraus für uns? Denn diese Auseinandersetzung ist nicht abstrakt. Sie entscheidet sich in dem politischen und kulturellen Raum, in dem wir leben.
Wahrheiten statt Meinungen
Für Wahrheiten statt Meinungen eintreten: Der oft ausgerufene Herbst der Reformen ist da, in dem zentrale Teile unseres privaten und öffentlichen Lebens auf der Tagesordnung stehen. Hier sind weitreichende und gegebenenfalls unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Und ich möchte Sie ermutigen:
Unsere Gesellschaft lebt davon, dass Menschen bereit sind, ihre eigenen Überzeugungen immer wieder an der Wirklichkeit zu prüfen. Ja, Wahrheit beginnt mit der Bereitschaft zur Selbstkorrektur. Wer nur noch Bestätigung am Smartphone oder aus der Bevölkerung sucht, verliert die Fähigkeit zum Dialog. Wer dagegen nach Wahrheit sucht, übernimmt Verantwortung für den öffentlichen Diskurs, stärkt das Vertrauen und unsere Demokratie.
Kein Platz für völkisches Gedankengut der AfD
Die Wahl in Sachsen-Anhalt vor drei Tagen hat auf drastische Weise gezeigt, wie eine radikale Partei durch den Wählerwillen mit klarer Mehrheit demokratisch legitimiert wurde. Wie viele hier im Saal bin auch ich angesichts dieses Wahlergebnisses sprachlos – im ersten Moment. Aber ich bin entschlossen im weiteren Handeln: Die AfD ist nachweislich nationalistisch und völkisch eingestellt.
Für dieses völkische Gedankengut ist weder in noch außerhalb von Gotteshäusern, weder im Christentum noch im Judentum noch im Islam Platz. Ich wünsche mir sehr, dass die Wahrheit uns auch hier befreit, dumpfe Parolen entschlüsselt und Wahlversprechungen ohne jede realistische Grundlage entzaubert.
Wir widersprechen!
Als Kirche ziehen wir uns nicht zurück. Im Gegenteil: Wir widersprechen, wenn Angst gegen Solidarität ausgespielt wird. Wir widersprechen, wenn Menschen gegeneinander in Stellung gebracht werden. Wir widersprechen, wenn demokratische Institutionen geschwächt werden. Das ist nicht links, das ist nichts rechts. Unser Maßstab ist weder Parteipolitik noch Ideologie, sondern das Evangelium und die damit verbundene unveräußerliche Würde jedes Menschen. Und ja, da dürfen und müssen wir auch manchmal anecken.
Deutschland und Europa eine Seele geben: Jacques Delors, einer der Väter der europäischen Einigung, formulierte es 1992 mit einem Satz, der heute aktueller ist denn je: „Wenn es uns nicht gelingt, Europa eine Seele, eine Spiritualität und eine tiefere Bedeutung geben, dann wird das Spiel verloren sein.“ (Summary of Addresses by President Delors to the Churches, Nr. 704E/92) Er gab Europa damals noch zehn Jahre. Delors war bewusst, dass Europa und die EU nicht allein durch Verträge, Institutionen oder wirtschaftliche Interessen zusammengehalten werden können.
Die Armen und Ausgegrenzten im Blick
Es braucht ein gemeinsames Verständnis davon, was den Menschen ausmacht und welche Werte unser Zusammenleben tragen. Und wir stellen uns entschieden gegen Positionen, die uns genau diese gemeinsamen Werte absprechen, wie wir sie auch an diesem Wochenende wieder hören mussten. Europa lebt aus seinen geistigen Quellen – aus Jerusalem, Athen und Rom, so war Delors überzeugt. Diese Quellen im digitalen Zeitalter wieder und wieder neu auszubuchstabieren, das ist unsere Aufgabe, und so für eine menschenwürdige Bundesrepublik, ein Europa und die Welt einzutreten.
Als Prüfstein unserer Gesellschaft für die Ärmsten der Armen da sein: Mit seinem Blick auf die Armen, die Ausgegrenzten und die Schutzbedürftigen knüpft Papst Leo XIV. an eine lange Tradition der Katholischen Soziallehre an. Die Option für die Armen ist keine Randfrage, sondern Ausdruck des Menschenbildes der katholischen Soziallehre. Der Mensch besitzt seine Würde nicht aufgrund seiner Leistung, Herkunft oder seines Nutzens für die Gesellschaft. Er besitzt sie allein, weil er Mensch ist.
Woran sich unsere Zukunft entscheidet
Aus dieser Überzeugung erwachsen die Grundprinzipien der Katholischen Soziallehre: das Gemeinwohl, das den Menschen nie auf Einzelinteressen reduziert, die Solidarität, die den Starken an die Seite des Schwachen stellt, und die Subsidiarität, die die Verantwortung dort stärkt, wo Menschen ihr Leben selbst gestalten können. Sie alle konkretisieren die Überzeugung, dass Freiheit immer auch Verantwortung für andere bedeutet.
Deshalb entscheidet sich die Zukunft unserer Demokratie nicht an der technischen Innovation. Sie entscheidet sich daran, wie wir den Menschen in den großen Krisen unserer Zeit begegnen: den Opfern des Krieges in der Ukraine, im Nahen Osten und im Sudan; den Millionen Menschen, die durch die Folgen des Klimawandels gestorben sind oder vor ihnen fliehen; und denen, die unter den extrem gewachsenen Ungleichheiten leiden – zwischen den Generationen, zwischen Nord und Süd sowie zwischen Arm und Reich.
Mehr Wahrheit für mehr Vertrauen
Und ich ergänze: Wie wir den Menschen begegnen, die jetzt völkisches Gedankengut in Sachsen-Anhalt und bei den anstehenden Wahlen verbreiten, und denen, die als Erste unter diesem leiden. Nicht Technik und Wachstum machen frei. Nicht einmal Mehrheiten machen frei. Im Johannesevangelium sagt Jesus: „Die Wahrheit wird euch befreien.“ (Joh 8,32)
Auch unsere Demokratie braucht mehr Wahrheit, sodass das Vertrauen wächst, erst dann wird auch unsere Freiheit wieder wachsen. Kurz gesagt: Mehr Amen beten, mehr Amen sagen und so zum Ausdruck bringen: Das stimmt so. Und: Dir vertraue ich.