KIRCHE+LEBEN-EXKLUSIV

„Wir dürften mutiger werden“: Bischof Heiner Wilmer im großen Interview

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AfD und Nato, Laienpredigt und Kirchenreform: Das große Kirche+Leben-Interview mit Münsters neuem Bischof und Vorsitzenden der Bischofskonferenz.

Herr Bischof Wilmer, Sie wollen das Bistum Münster weiter kennenlernen – und die Menschen im Bistum ihren neuen Bischof. Darum: Wie haben Sie nach dem sicherlich ziemlich anstrengenden ersten Halbjahr Ihren Urlaub verbracht? Wie können Sie sich erholen?

Den ersten Teil meines Urlaubs habe ich im Bistum verbracht, inkognito in Jeans, Poloshirt und Turnschuhen. Die erste Woche war ich mit meinem Cousin in Kevelaer und Umgebung, wir sind mit Weihbischof Lohmann mit den Rädern den Rhein heruntergefahren bis Duisburg-Walsum. In der zweiten Woche ging es weiter, zum Beispiel nach Herten, wo ich beim Mittagessen in der Fußgängerzone saß, als mich ein Mann ansprach und mich fragte, ob ich wüsste, dass ich ein perfekter Doppelgänger des neuen Bischofs von Münster wäre. Da habe ich geantwortet: Sie sind tatsächlich nicht der Erste, der mir das sagt (lacht). Natürlich habe ich mich zu erkennen gegeben. Wir waren dann unter anderem noch in Recklinghausen, etwa in der Gastkirche und dem Gasthaus, und ich habe im Kino den neuen Film „Die Odyssee“ gesehen, denn ich liebe das Kino, Theater, Dramaturgie! Und auch dort oder etwa in Rhede, Hamm, Ahlen, Dorsten oder Haltern – ich bin überrascht, wie viele Menschen mich erkannt und angesprochen haben. Danach war ich noch eine Woche mit Freunden aus Bologna in Sterzing in Südtirol.

Ihre Doppelfunktion als Bischof von Münster und Vorsitzender der Bischofskonferenz lässt viele fragen: Wie präsent können Sie im Bistum sein?

Aus Gesprächen mit meinen Vorgängern als Vorsitzender weiß ich, dass diese Aufgabe wie die Leitung eines zweiten großen Bistums ist. Ich habe schon vor, so präsent wie möglich im Bistum zu sein. Zugleich bitte ich um Nachsicht, wenn es Überschneidungen mit meinen Aufgaben als Vorsitzender der Bischofskonferenz gibt. Aber ich bin guter Dinge! Denn zum einen hilft mir der Glaube. Mich tragen Freunde und Freundschaften. Und ich bin ein Team-Mensch. Es gibt wunderbare Teams. Eines hier in Münster, also in einem Bistum, das sehr gut mit hochkompetenten und sympathischen Mitarbeitenden aufgestellt ist. Zum anderen teilt sich das Team der Bischofskonferenz auf Bonn und Berlin auf, mit großartigen und engagierten Leuten. Und dann hoffe ich, dass der liebe Gott mir meine gute Gesundheit erhält.

Sie übernehmen die Leitung von Deutschlands größtem Bistum in Zeiten stark zurückgehender Zahlen bei Gläubigen, Pfarreien, Kirchen, Geld, Personal. – Was sagen Sie Eltern und Großeltern, die frustriert sehen, wie wenig der Glaube in der Gesellschaft, bei ihren Kindern noch von Bedeutung ist?

Richtig ist, dass bestimmte Ausprägungen unserer Institution Kirche zurückgehen und auch in eine gewisse Krise gekommen sind. Zugleich erfahre ich aber, dass der Faktor Religion wieder zurückgekehrt ist. Denken Sie etwa an das öffentliche Beten bei der Fußball-WM, denken Sie an die vielen Neugetauften in Frankreich, denken Sie aber auch an die Frage, wie Interreligiosität etwa mit Blick auf Christentum und Islam gestaltet wird. 1917 hielt der Soziologe Max Weber einen großen Vortrag über die „Entzauberung der Welt“. Seine These: Aufgrund der fortschreitenden Wissenschaft und Technologie werde die Intellektualisierung und Rationalisierung der Welt zunehmen, Religion werde überflüssig. Heute ist das Gegenteil der Fall: Der Zauber ist zurück. Die Zuwendung zu dem, was ich nicht exakt mit Logik und Grammatik fassen kann, ist wieder da. Ich bin zutiefst davon überzeugt: Der Faktor Religion wird in Zukunft auch in Deutschland wieder deutlich präsenter sein als in den vergangenen Jahrzehnten. 

Sie haben im März die Satzung für eine künftige Synodalkonferenz im Vatikan vorgelegt; eigentlich sollte dieses Gremium aus Bischöfen und Laien im November erstmals tagen. Wie ist der Stand, was hören Sie aus Rom?

Die Satzung ist in Rom in Bearbeitung. Von den Verantwortlichen dort weiß ich, dass es noch etwas Zeit braucht. Ich bin zuversichtlich, dass wir da weiterkommen.

In Münster wird Synodalität schon mit einer gewissen Tradition gepflegt: Wie geht es da weiter – wie steht es um die Weiterentwicklung etwa des Diözesanrats zu einem synodalen Gremium mit Entscheidungskompetenz?

Kirche ist für mich synodal. Mit Synodalität verbinde ich hohen Respekt und große Wertschätzung. Wir kommen nur weiter, wenn wir gemeinsam unterwegs sind. Für mich ist die Emmaus-Erzählung ein Schlüsseltext für die postsäkulare Gesellschaft: Da sind Menschen unterwegs – nicht top-down, nicht nur face-to-face, sondern side-by-side, Seite an Seite, und gehen, schweigen, befragen sich gegenseitig über ihre Erlebnisse, Zweifel, Unsicherheiten. Und dann kommen sie von Jerusalem in den kleinen Ort Emmaus – mit leichtem Marschgepäck, das ist ikonisch! Sie gehen, sie bleiben nicht stehen, nicht als One-Man-Show, sondern sind gemeinsam unterwegs und im Gespräch. Niemand von ihnen hat die Weisheit gepachtet. Und auf dem Weg vom Zentrum an den Rand kommt einer dazu – sie öffnen sich für den Fremden und für das Fremde! Dann kommen sie beim gemeinsamen Mahl zusammen, sie teilen nicht nur das Brot, sondern ihr Leben.

Kurzum: Synodalität ist im Bistum Münster tief verwurzelt – und ich freue mich jetzt schon auf den gemeinsamen Weg mit so vielen getauften Menschen hier, aber auch international, auch ökumenisch, auch mit unseren jüdischen und unseren muslimischen Geschwistern. 

Ebenfalls im März hatten Sie in Rom für die Bischofskonferenz um ein Indult für die Zulassung von theologisch gebildeten Laien zur Predigt gebeten, im Juni kam die Absage aus dem Vatikan. Ihr Mitbruder in Mainz, Bischof Peter Kohlgraf, hat jüngst erklärt, er werde solche Predigten von Laien, die es ja nahezu in jedem Bistum längst gibt, nicht sanktionieren. Was können Sie etwa den Pastoralreferentinnen und -referenten im Bistum Münster sagen?

Auch wenn ich als Bischof von Münster noch recht neu bin, weiß ich, dass sich in unserem Bistum seit Jahren viele getaufte Frauen und Männer mit diesem Thema auseinandergesetzt und eine Kultur eingepflegt haben. Vor dieser gewachsenen Tradition habe ich großen Respekt und empfinde tiefe Dankbarkeit. Natürlich habe ich auch Respekt vor der Rückmeldung aus Rom. Zugleich bin ich fest davon überzeugt, dass die wunderbaren Seelsorgerinnen und Seelsorger in unserem Bistum einen guten Weg finden werden, um mit den Gegebenheiten gut umzugehen. Ich habe großes Vertrauen in sie und bin ihnen für ihre großartige Arbeit und ihr Zeugnis sehr dankbar.

Auch andere Reformthemen des Synodalen Wegs scheinen mit dem Ende der Synodalversammlungen „abgeräumt“: Frauen, Sexualmoral, Zölibat, Teilhabe … Was sagen Sie jenen engagierten Christinnen und Christen, die enttäuscht und es womöglich schlichtweg leid sind?

Die Themen sind nicht abgeräumt, sie werden weiter bearbeitet. Sie sind Teil der Weltsynode! Im Herbst werde ich dazu an zwei Treffen teilnehmen. Zum einen in Linz, wo europäische Theologinnen und Theologen, Bischöfe und andere genau über diese Themen sprechen werden. Zum anderen bin ich im Oktober in Rom, weil Papst Leo XIV. alle Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen weltweit für acht Tage eingeladen hat. Das Oberthema ist das nachsynodale Schreiben „Amoris laetitia“ von Papst Franziskus – und damit menschliche Beziehungen in all ihren Schattierungen: Wie bin ich als Persönlichkeit aufgestellt, wie lebe ich Sexualität, wie lebe ich Beziehung – in welcher Art auch immer –, wie lebe ich Beziehung zu Älteren und Kindern, wie gehe ich um mit Brüchen, Verletzungen, Kränkungen? Was uns zutiefst prägt, beschenken, aber auch unglaublich verletzen kann, sind unsere menschlichen Beziehungen. Erst danach kommen strukturelle Fragen, so wichtig sie auch sind.

Wie blicken Sie auf diese Zeit, von der es heißt: Wir sind hier in Deutschland nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im Frieden? Wie gefährlich sehen Sie die Lage?

Ich bin in hohem Maß besorgt. Der Friede der letzten Jahrzehnte, in dem wir in Deutschland gelebt haben, ist fragil. Dieser Friede ist nicht selbstverständlich. Wichtig finde ich, dass wir uns von dem neuen Diktator, nämlich der Angst, nicht bange machen lassen. Für fatal hielte ich es, wenn wir uns aus lauter Angst zurückzögen, aus lauter Angst unsere Freiheit aufgäben, um in noch mehr Sicherheit und Kontrolle zu investieren. Angst darf nicht unser Berater sein. Vielmehr gilt es, zusammenzustehen und eine stärkere Solidarität untereinander einzuüben!

Bedenklich finde ich daher auch das Politiker-Bashing, also das öffentliche Schlechtmachen derjenigen, die in der Politik Verantwortung übernehmen. Wenn wie im Fußball in Deutschland 80 Millionen Experten und Expertinnen an der Seitenlinie stehen und es immer besser wissen als der Trainer – dann ist das schwierig. Ich unterstelle unseren politischen Verantwortungsträgern grundsätzlich, dass sie es gut meinen. Wir dürfen ihnen nicht die Ehrlichkeit zur Verantwortung absprechen.

Inmitten dieser Zeit wird am 1. Oktober in Münster die Nato mit dem Preis des Westfälischen Friedens ausgezeichnet. Dazu gibt es auch kritische Stimmen, etwa von Pax Christi. Können Sie die Preisvergabe nachvollziehen?

Ich kann die kritischen Stimmen durchaus hören. Gleichwohl gebe ich zu bedenken, dass wir schon als einzelne Menschen ein Recht auf Verteidigung haben. Wenn ein Aggressor den Frieden bedroht, haben diejenigen, die für das Wohlergehen einer Gruppe Verantwortung tragen, auch nach katholischer Lehre die Pflicht, ihn abzuwehren. Bei der Wahl der Mittel und Maßnahmen muss die Verhältnismäßigkeit stimmen. Wir haben nur dann eine gute Chance auf Frieden, wenn wir uns vernetzen und zusammenstehen.

Schauen wir nach Deutschland, nach Sachsen-Anhalt, wo bei der Landtagswahl am 6. September laut Umfragen die AfD, eine dort als gesichert rechtsextremistisch bewertete Partei, die meisten Stimmen holen könnte – womöglich mit großem Abstand zu den anderen Parteien. Sie waren als Leiter der Sozialkommission der DBK maßgeblich für das viel beachtete Positionspapier zur AfD vom Februar 2024 verantwortlich. Wie bewerten Sie diese Entwicklung? Wie wird das Deutschland verändern? 

Ich sage ganz klar: Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar. Und ich sage auch ganz klar: Jeder Mensch hat das Recht zu leben, jeder hat dieselbe Würde. Zudem brauchen wir unabhängige Medien, wir brauchen einen Sinn für Wahrheit, weil die Wahrheit die Basis für Freiheit ist. Es gibt kein freies Volk ohne Wahrhaftigkeit in den Institutionen. Insofern schaue ich mit großer Sorge auf Sachsen-Anhalt. Aber wir sollten uns auch hier nicht von Angst lähmen lassen.

Bräuchte es mehr Protest und Widerstand?

Schon jetzt bin ich sehr dankbar für prophetische Stimmen und für Menschen, die auf die Straße gehen. Aber ich glaube, wir dürften insgesamt noch mutiger werden. Da kann ich mir noch mehr Widerständigkeit vorstellen.

Was kommt auf die Kirchen zu, nicht zuletzt auf das Bistum Magdeburg?

Wenn sich die Gesellschaft in Deutschland verändert, verändert sich auch die Kirche in Deutschland. Wir werden neu denken, handeln und unsere Verantwortung nochmals anders gestalten müssen.

Vor dem Katholikentag in Würzburg haben Sie die Nicht-Einladung von AfD-Vertretern dort verteidigt. Sollten Kirchenvertreter grundsätzlich nicht öffentlich mit AfD-Mitgliedern sprechen?

Es ist immer gut, dass wir in der Kirche mit allen Menschen sprechen. Wir sind keine Gesprächsverweigerer. Aber wir müssen schon darauf achten, dass wir nicht, sozusagen aus Versehen, Wahlhelfer sind von denen, die fremdenfeindlich und antisemitisch sind. Das können wir als Kirche nicht zulassen, ganz klar.

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