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Wie denkt der neue Bischof von Münster? Was sind seine Wurzeln? Was ist ihm wichtig? Wie versteht er sein Amt? Vor allem: Wie glaubt er? Ein Porträt.
Manchmal sitzt er „in blauer alter Jeans und mit ollem Hemd, von der Sonne verfärbter Jacke und abgetragenen Schuhen“ auf einer Bank zwischen Bischofshaus und Hildesheimer Dom. Kein ungewohntes Bild von Heiner Wilmer, wenn er eine Stunde spazieren war, „um den Kopf freizubekommen“. Dann, zum Abschluss, sitzt er da auf der Bank hinterm Paulustor, „das Schwarz und Violett des Tages abgelegt“, genießt die Stille und Leere des Platzes. Und schnackt unerkannt mit einer Frau, die zufällig vorbeikommt, über die Glocken des Doms und den Glauben, über Weite und Raum und Kraft.
Heiner Wilmer erzählt davon in seinem Buch mit dem nordisch-kargen Ein-Wort-Titel „Trägt“. Ein flottes Taschenbuch über „die Kunst, Hoffnung und Liebe zu glauben“. Das liest sich so weg. Unterhaltsam, nachdenklich, fromm. Wilmer erzählt einfach so, wie Wilmer ist. Von Erlebnissen und Erfahrungen, als stünde er neben einem. Von Begegnungen und Beobachtungen. Er erzählt all das, um so konkret wie möglich zu machen, wie Glauben geht, und Hoffen und Lieben. So, dass es jeder versteht.
Wilmer: Glaube ist kein System
Er erzählt von Gott – und von seiner mitunter sehr persönlichen Geschichte mit ihm, seinem Glauben an ihn, der bei aller Leidenschaft und Hingabe alles andere als abgeklärt, fertig, sicher ist. Der Glaube ist nicht „Besitz der Wahrheit“, „kein System, Glaube ist Geschehen“, predigte er vor vier Wochen, als er einen neuen Weihbischof im Hildesheimer Dom weihte.
Auch wenn Wilmer promovierter Theologe ist, zudem Romanistik, Philosophie und Geschichte studiert, in den Weltstädten Rom und Paris, New York und Toronto gelebt hat, fließend Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch spricht – seinen Wurzeln im Emsland ist er nicht nur treu geblieben, seine Heimat Schapen ist in Gestalt von drei Schafen Teil seines Bischofswappens, und man hört es ihm in jeder Silbe an, wenn er spricht.
Plattdeutsch und „Erdigkeit“
Der neue Bischof von Münster kann zudem nicht minder flüssig „Platt“, was er sogar in seiner Ansprache am Ende seines Einführungsgottesdienstes in Hildesheim bewies. Wilmer kommt vom Hof und verbindet damit „eine große Stabilität, eine große Treue zum Leben, eine große Verbindlichkeit, eine Erdigkeit und Erdverbundenheit, die für mich bis heute wichtig sind“, wie er in einem Video-Interview erzählt.
Und er hat offenkundig null Problem damit, ziemlich handfest zu beschreiben, wie das für ihn damals konkret aussah, bei Stoppelacker- und Scheunenfesten etwa oder beim „Kränzen“ vor einer Hochzeit: „Ich hatte meine Räusche, wie es sich für Bauersjungen gehört“, schreibt er in einem anderen Buch namens „Gott ist nicht nett“: „Ich weiß noch, wie schrecklich es am nächsten Morgen war, wenn man, Rausch hin oder her, um 6 Uhr aufstehen musste, um sich unter das Kuheuter zu hängen und zu melken – obwohl einem eh schon übel war.“ Trecker fahren kann er natürlich auch, bei allem Respekt vor der heutigen Technik solcher Gefährte, wie er sagt.
Brummschädel und Hände im Kuh-Bauch
Er hat Hühner ohne Kopf über den Hof rennen sehen und wie der Tierarzt „mit beiden Händen im Bauch einer Kuh“ ein Kalb per Kaiserschnitt auf die Welt holte oder wie „Schweine abgestochen wurden, auch wenn sich mir der Magen dabei umdreht“. Wilmer erzählt das nicht, weil er stolz auf seinen Brummschädel wäre oder sich als einfachen Menschen vom Lande verkaufen will. Er berichtet im Buch von all dem, wo es ihm um Rausch und Blut geht – in einem Kapitel über die ihn befremdende und zugleich faszinierende alte Gebetsbitte „Blut Christi, berausche mich“.
Heiner Wilmer will vor allem eins: von Gott erzählen – mit seinen Lebenserfahrungen zwischen Bauernhof, Kloster und Bischofshaus, in Pariser Straßencafés, in Roms Metro, in der New Yorker Bronx, in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen im kanadischen Toronto oder im Wohnzimmer von Freunden, deren Tochter sich das Leben genommen hat. Nie platt, aber auch nie theologisch abgehoben, in einer einfachen, ehrlichen und sehr persönlichen Sprache. Und das nicht plump, um zu missionieren, sondern um Menschen in Kontakt mit dem zu bringen, was er „relevant-virulent“ nennt, „was uns als Christen hält, ohne das anderen vorenthalten zu wollen“.
„Kann ich ohne Frau und Kinder leben?“
Das alles ohne Auftrumpfen oder Selbstgewissheit. Im Gegenteil. Sicher und selbstverständlich ist für Wilmer nichts am Glauben. Nicht einmal sein Priesterdasein und Ordensleben. Das findet er mitunter ziemlich anstrengend, wie er schreibt. Er meint damit „nicht, dass ich mich ständig vor Versuchungen, vor schönen Frauen verstecken muss“, wenngleich er freimütig auch von Liebeskummer erzählt und von Zweifeln: „Schaffe ich den Zölibat? Kann ich ohne Frau und Kinder leben?“
Vielmehr bekennt er: „Das Anstrengende ist, dass mein ganzer Beruf, mein Lebenssinn auf diesem Jesus aufbaut, obwohl dessen Bedeutung mir manchmal abhanden kommt.“ Dann könne er „all das, was über Jesus gesagt wird, nicht mehr hören: Der gute Hirte, der die Schäfchen weidet ...“ Auch sich selbst nimmt er da nicht aus – „ich höre meine eigenen Predigten schließlich jeden Sonntag“ und „merke, wie ich Floskeln und Palaver irgendwohin, in den Himmel, in die Dunkelheit schicke. Seltsamerweise erträgt Gott das.“
Rituale, Schätze, Rosenkranz
Was wirklich trägt – darum geht es Heiner Wilmer. Und das sieht er in dem großen Schatz des Glaubens und des Gebets, selbst und gerade da, wo kaum mehr als „Warum?“ übrig bleibt. Etwa in jenem Wohnzimmer mit den befreundeten Eltern, die um ihr Kind trauerten: Wie er sofort aufgebrochen war, vier Stunden im Auto gesessen und ständig überlegt hatte, was er sagen könne, welches Gebet passt, wie er dann nur vor sich hin stotterte – und wie ihm dann der vertraute Rosenkranz einfiel, „als Abklang des Getragenseins, als Abklang des großen Tons; Gott tönte in unser Schweigen hinein, in die Stille des Karsamstags, die in unsere Herzen eingebrochen war.“ Die Rituale, die Schätze der christlichen Tradition halten und tragen, davon ist Wilmer überzeugt, davon will er überzeugen. Auch und gerade heute.
Und doch tritt er nie auf wie einer, der Bescheid weiß. Als er Bischof von Hildesheim wurde, ist er an drei Wochenenden vor der Amtseinführung mit Jugendlichen durchs Bistum gepilgert – in Jeans und Adidasjacke. Als „alter Lehrer“, der er unter anderem in Vechta war und später auch als Schulleiter am ordenseigenen Gymnasium im emsländischen Handrup, wisse er, dass er nur dann ein guter Lehrer sei, „wenn ich ein Lernender bleibe“. Deshalb wollte er erfahren, was die jungen Menschen von der Kirche erwarten: „Ich will von ihnen wissen, wie ich als Bischof sein soll, und da traue ich ihnen viel zu.“
Wilmer: Einheit ist nicht Gleichförmigkeit
Er selber versteht sein Amt so, dass der Bischof zwar eingebunden ist in das Kollegium der Bischöfe, aber eben auch in das Volk Gottes, dem er selber zugeordnet sei und dem er diene: „Das korrigiert jedes falsche Verständnis von Hierarchie.“ Wilmer warb in seiner Predigt zur Weihbischofsweihe jüngst im Hildesheimer Dom einmal mehr für Synodalität – nicht als „ein Verfahren, sondern als geistliche Haltung“. Deren Garant sei das Bischofsamt. Allerdings nicht, weil der Amtsträger „alles besser weiß, sondern weil er dafür verantwortlich ist, dass alle Wege gesehen werden, dass niemand überhört wird, dass der Reichtum des Glaubens nicht verengt wird.“
Das mache das Amt „anspruchsvoll und manchmal auch unbequem“. Dabei sei Einheit „nicht Gleichförmigkeit, nicht Lautstärke, nicht Durchsetzungskraft“. Vielmehr gelte es, „das Verschiedene zusammenzuhalten, die vielen Stimmen hören, auch die leisen, auch die unbequemen, auch jene, die nicht ohnehin schon öffentlich präsent sind“.
„Ich bin überhaupt kein Single“
Heiner Wilmer ist Ordensmann, seit seinem 19. Lebensjahr gehört er zur Gemeinschaft der „Dehonianer“, der „Herz-Jesu-Priester“. Er sei „überhaupt kein Single“, sagte er denn auch in einem Interview vor seinem Amtsantritt in Hildesheim und bekannte, dass er zunächst regelrecht Angst vor dem Leben allein im Bischofshaus hatte. Umso erleichterter sei er gewesen, dass er dort mit vier Canisianer-Brüdern zusammenleben konnte.
Wilmer versteht sich als „Teamplayer“ und verweist auf seine frühere Aufgabe als Generaloberer seines Ordens in Rom: „Das kann man nur überleben, wenn man zusammenarbeitet, sonst wäre ich längst im Tiber ertrunken.“ Davon zeugt nicht zuletzt sein bischöfliches Leitwort, das einem Vers aus dem zweiten Brief des münsterschen Bistumspatrons Paulus an die Korinther entnommen ist: „Wir sind nicht Herren eures Glaubens, sondern Gehilfen zu eurer Freude“.
„Gehilfen zu eurer Freude“
Der zweite Halbsatz ist sein Motto, wie er 2018 nach seiner Ernennung im Hildesheimer Dom erklärte: „Gehilfen zu eurer Freude“, vor allem wegen des Plurals: „Ich bin einer von vielen und verstehe meinen Dienst als Dienst an allen – auch an den evangelischen Schwestern und Brüdern, den jüdischen, den anders konfessionell aufgestellten Menschen, den Kritischen, den Nichtgläubigen, den Skeptikern. Im Dienst an allen sehe ich meine Aufgabe darin, die Freude des Evangeliums zu verkünden, auszustrahlen, weiterzugeben – auf dem gemeinsamen Weg zu Gott.“
Und so überrascht es ganz und gar nicht, dass er nach seiner Wahl zum neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz vor einem Monat in Würzburg sein erstes Pressestatement mit einem Bibelvers eröffnete: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen seiner Gnade.“ Wo manche Medienleute klare politische Äußerungen erwartet hatten, kommt Wilmer mit dem Gruß der Engel über der Krippe. Für ihn widerspricht sich das nicht, im Gegenteil. Am Weihnachtsfest 2025 nannte er die Menschwerdung Gottes entsprechend „hochpolitisch“: „Jesu Botschaft ist damals wie heute Gottes Widerspruch gegen eine Welt, die ihre Probleme mit Gewalt und Krieg lösen will.“
„Der hoffende Mensch ist ein Anpacker“
Was das konkret bedeuten kann, machte er als „Sozialbischof“ der Bischofskonferenz deutlich, als er warnte: „Es kann doch nicht sein, dass neuerdings diese rechtsextremistische Position behauptet, es braucht wieder Deportation.“ Damit werde der fürcherliche Mythos „Deutsches Blut auf deutschen Boden“ wieder wach.
Vielmehr ermutigte er zur Hoffnung, zu der „Gewissheit in Gott“, dass etwas Sinn mache, egal wie es ausgehe. „Der hoffende Mensch ist ein Anpacker, eine Anpackerin. Wer hofft, krempelt die Ärmel hoch, packt an, unternimmt etwas und verändert die Welt. Hoffnung lebt dort, wo der verwandelte Mensch die Welt verwandelt.“ All das sagte Heiner Wilmer im Februar 2024 – beim „Geistlichen Abend“ in Münsters Paulusdom, seiner künftigen Bischofskirche.