Leitung von Haus Maria Rast in Telgte erlebt in der Corona-Krise viel Verständnis

"Helden der Krise": Besuchsverbot im Altenheim bringt kaum Unruhe

Da schlagen zwei Herzen in ihrer Brust, gibt Monika Manthey zu: „Ein emotionales und ein vernünftiges.“ Die Leiterin des Altenpflegeheims Haus Maria Rast in Telgte weiß sehr gut, was jetzt angesagt ist, um die 81 Bewohnern in ihrer Einrichtung vor dem Corona-Virus zu schützen: „Eine absolute Abschottung.“ Es gibt aber eine 88-Jährige da fühlt sie ein wenig anders. Sie lebt nicht in ihrem Heim in Telgte, sondern auf einer Pflegestation in Ahlen. Es ist ihre Mutter. Und die darf sie seit einer Woche auch nicht mehr besuchen.

„Am Ende siegt natürlich die Vernunft“, sagt Manthey. „Aber ich musst schon etwas schlucken, als ich am Telefon mitgeteilt bekam, dass ich bis Mitte April nicht mehr zu ihr darf.“ Im Alltag mit den alten Menschen erlebt sie, wie wichtig Besuche im Tages- und Wochenrhythmus sind. Sie geben Struktur, Halt und Orientierung. „Wenn das wegbricht, kann das richtig wehtun.“

Vier Wochen Ausnahmezustand

Keine Woche später musste auch sie die Türen des Heims in Telgte für Besucher schließen. Es stehen vier Wochen Ausnahmezustand bevor. Neben dem Personal werden nur noch Ärzte und wichtige Anlieferer reingelassen – natürlich mit strengsten Sicherheitsmaßnahmen. „Das bedeutet für unsere Bewohner vor allem, dass die Beschäftigungsmöglichkeiten eingeschränkt sind.“ Die wichtigen Spaziergänge wird es nicht geben. „Gerade jetzt in der Sonne würden sie sonst ausschwärmen.“

Monika Manthey
Monika Manthey vor dem Haupteingang des Altenpflegeheims Haus Maria Rast in Telgte. | Foto: Michael Bönte

Zudem werden die einzelnen Stationen strikt getrennt. Freizeitangebote, die sonst für alle gemacht wurden, müssen jetzt separat veranstaltet werden. Das bedeutet einen Mehraufwand für die Betreuer. „Zum Glück fallen für unsere Auszubildenden derzeit die Seminare aus und sie können hier im Haus helfen.“

Erstaunliche Gelassenheit bei Bewohnern und Angehörigen

Manthey ist erstaunt, mit wieviel Gelassenheit die Bewohner die extreme Situation ertragen. „Wir sprechen sehr viel mit ihnen, erleben aber keine Panik.“ Gerade mit jenen Senioren, die noch geistig orientiert sind, versuchen sie die Hintergründe und Auswirkungen der Pandemie zu reflektieren, sagt sie. „Oft höre wir dabei selbst Mut machende Worte.“ Die alte Generation hat in ihren Augen den Umgang mit Ausnahme-Zuständen in Kindeszeiten oft noch gelernt. „Wir sprechen hier von einem Lebensanfang in der Nachkriegszeit.“ Vielleicht kommen daher das Wissen und das daraus resultierende Gefühl, dass es irgendwann wieder besser wird.

Im sonnigen Innenhof treffen sich manchmal einige von ihnen – eine Station nach der anderen, damit keine Berührungspunkte entstehen. „Da sitzt dann plötzlich die alte Dame, die sonst kaum ein Wort mehr spricht, im Stuhlkreis und beruhigt die anderen“, erzählt Manthey und zitiert dann einen ihrer  Sätze: „Schaut mal, wir können doch mit unseren Rollatoren wunderbar hier im Hof spazieren gehen – die Blumen in den Kübeln sind genauso schön wie die draußen.“

Auch Demenzerkrankte spüren etwas

Der Großteil der Bewohner aber ist demenzerkrankt. Sie können die Situation zumeist nicht mehr verstehen, wohl aber ihre Auswirkungen spüren. „Auch sie vermissen die Besuche ihrer Angehörigen, deren Stimmen, die Hand, die sie streichelt.“ Und sie wissen nicht, warum das so ist. Unruhe und Ängste können die Folgen sein – Symptome, die auf einer Demenzstation immer vorhanden sind. Aufgefangen wird das jetzt vor allem durch die Pfleger und Betreuer im Haus. „Dann wird zwischendurch halt noch mal eine kleine Mahlzeit gereicht oder gesungen.“

Beindruckt war Manthey auch vom Verständnis der Angehörigen. Schon vor der endgültigen Schließung kritisierten sie die Maßnahmen kaum. „Maximal ein Besucher maximal eine Stunde am Tag war für viele bereits eine enorme Einschränkung.“ Manchmal mussten Ehepaare an der Tür entscheiden, wer hineingehen durfte und wer auf der Bank vor dem Haupteingang warten musste. Das führte genauso wenig zu Protesten wie die jetzige Verschärfung. „Alle haben gesagt, dass das am Ende das Vernünftigste ist.“

Ferngrüße und Apfelplunder

Und sie haben kreative Ideen für die kommende Zeit. „Einige planen das Gespräch durch das gekippte Fenster mit ausreichend Sicherheitsabstand“, weiß Manthey. „Andere wollen jeden Tag mit dem Fahrrad vorbeikommen und von weitem winken.“ Das alles sind Ideen, die die Heimleiterin in vielleicht selbst aufgreifen wird. Denn auch für sie endet der Weg in die Altenpflegeeinrichtung ihrer Mutter spätestens an der Rezeption. „Dort dürfen wir unsere Päckchen für sie abgeben.“ Was sie einpackt? „Das, was unserer Mutter zwischendurch immer mal braucht – eine Zeitschrift, einen Apfelplunder oder auch den Kräuterquark, den sie so mag.“