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Essener Generalvikar Pfeffer: Ausdruck europäischer Schande / Politiker fordern Aufnahme in Deutschland

Helfer in Moria: Flüchtlingslager zu weiten Teilen zerstört

  • Der Brand in Moria auf der griechischen Insel Lesbos hat nach Berichten von Helfern wohl rund ein Drittel des Flüchtlingslagers zerstört.
  • Dem Brand waren Proteste von Geflüchteten gegen ihre inhumane Unterbringung und unzureichende Hygiene-Maßnahmen nach mehreren Coronafällen vorausgegangen.
  • Der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer verurteilt das Wegsehen vieler Staaten und spricht von einem "beschämenden Drama".

Der Brand in Moria hat nach Berichten von Helfern große Teile des griechischen Flüchtlingslagers auf der Insel Lesbos zerstört. Rund ein Drittel von Moria sei abgebrannt, betroffen sei unter anderem das Zentrallager, schrieb der Geschäftsführer der Organisation Wadi, Thomas Osten Sacken, am Mittwochmorgen auf Facebook. Auf den von ihm veröffentlichten Bildern waren zerstörte Notunterkünfte und qualmende Flächen zu sehen. Es sei „ein Alptraum, für den es kaum Worte gibt“.

„Wir sahen, wie sich das Feuer in Moria ausbreitete und die ganze Nacht wütete“, berichtete Marco Sandrone von „Ärzte ohne Grenzen“ aus Lesbos. Der Ort sei in Flammen eingeschlossen gewesen. „Wir sahen, wie die Menschen aus einer brennenden Hölle flüchteten.“ Kinder seien zutiefst verängstigt, die Eltern unter Schock.

Corona-Fälle im Flüchtlingslager

Das Feuer in dem mit mehr als 12.000 Menschen völlig überfüllten Lager war laut der griechischen Nachrichtenagentur ANA gegen zwei Uhr in der Nacht ausgebrochen. Wie die offenbar mehreren Brände entstanden, war zunächst unklar. Tausende Menschen brachten sich nach Informationen der Hilfsorganisation medico international vor den Flammen in Sicherheit und irren nun über die Insel. Berichte über Verletzte oder Tote lagen zunächst nicht vor.

Dem Brand waren Proteste von Geflüchteten gegen ihre inhumane Unterbringung und Versorgung sowie gegen unzureichende Maßnahmen zum Schutz vor einer Ansteckung mit Covid-19 vorausgegangen. Seit dem ersten offiziellen Corona-Fall Anfang September war die Zahl der bestätigten Fälle auf 35 angestiegen.

„Nicht wie Menschen behandelt.“

Der Sprecher von „Mission Lifeline“ in Dresden, Axel Steier, erklärte, die Bewohner des überfüllten Camps seien „extremem psychischem Stress ausgesetzt“. Die Abriegelung habe das Fass zum Überlaufen gebracht. „Wir haben davor gewarnt, dass es eskaliert“, betonte Steier. Man habe die Bundesregierung immer wieder aufgefordert, das Lager zu evakuieren: „Die Geflüchteten in Moria werden nicht wie Menschen behandelt.“

Die medico-Referentin für Flucht und Migration, Ramona Lenz, betonte, man könne „Menschen nicht Jahre lang im Dreck leben lassen, ihnen Rechte vorenthalten, sie schließlich ungeschützt einer Pandemie aussetzen und dann überrascht sein, wenn sie gegen ihre Lebensbedingungen aufbegehren“. Jetzt müsse die EU endlich handeln und sofort eine humanitäre Lösung für die Geflüchteten schaffen, forderte sie: „Nach diesem verheerenden Brand darf Europa nicht länger die Augen verschließen und muss Moria und die anderen Lager auf den griechischen Inseln endlich evakuieren.“

Essener Generalvikar: Beschämendes Drama

Der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer bezeichnete den Brand als "ein beschämendes Drama". Auf Facebook schrieb er, die Bilder aus Moria seien "Ausdruck der europäischen Schande", keine menschenwürdige Antwort auf die Not unzähliger Menschen zu finden, die sich von Europa Hilfe und Unterstützung erhoffen".

Längst hätte sich in vielen europäischen Ländern diejenigen durchgesetzt, "die Geflüchtete rundherum ablehnen". Stattdessen reagierten sie mit einer "Politik der Abschottung und des Wegsehens" auf die unzähligen Länder, in denen Kriege, Unrecht und Armut die Menschen vertrieben.

Pistorius: Moria auflösen!

Der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius (SPD) plädiert für die Auflösung des griechischen Flüchtlingslagers Moria nach dem Brand dort. „Ich fordere die Bundesregierung und die europäischen Staaten auf, das Lager aufzulösen und die Menschen über die EU zu verteilen, damit sie dann in Europa ihr Asylverfahren durchlaufen können“, sagte er am Mittwoch in Hannover. Er appellierte an EU-Ratspräsidentin Ursula von der Leyen und alle Mitgliedsstaaten, alles dafür zu tun, damit den Menschen geholfen wird. Weiter verlangte er, noch während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft ein System der Flüchtlingsverteilung umzusetzen, „das auf den Prinzipien europäischer Solidarität beruht“. Jene EU-Staaten, die entgegen den humanitären Grundsätzen Europas keine Flüchtlinge aufnehmen wollen, müssten „drastisch dafür in Haftung“ genommen werden.

„Europa kann und darf da nicht mehr wegsehen“, sagte Grünen-Chefin Annalena Baerbock den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Mittwoch). Die griechischen Lager müssten evakuiert und die Menschen in Sicherheit gebracht werden. „Deutschland muss handeln - nicht erst seit heute, sondern schon seit Jahren“, sagte die Politikerin. Es gebe Kapazitäten und eine überaus große Bereitschaft von Ländern und Kommunen zu helfen.

EU verspricht Hilfe

Die Europäische Union versprach unterdessen finanzielle Hilfe für minderjährige Flüchtlinge. Sie habe zugestimmt die Kosten für den Transfer von rund 400 unbegleiteten Kindern und Jugendlichen auf das europäische Festland aus EU-Mitteln zu zahlen, erklärte die Kommissarin für Inneres, Ylva Johansson, am Mittwoch über den Kurznachrichtendienst Twitter. Sie stehe darüber bereits in Austausch mit den Verantwortlichen in Griechenland.

UPDATE: Äußerungen des Essener Generalvikars Klaus Pfeffer (09.09.2020, 12:15 | mn)

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