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Wie geht eine Gesellschaft mit kranken Menschen um? Ob alt oder jung. Warum diese Diskussion brandgefährlich ist.
Die Emotionen kochen hoch, wenn es um Leben und Tod geht. Der Mediziner und CDU-Politiker Hendrik Streeck steht wegen seiner Äußerungen zur Behandlung todkranker, alter Menschen in einer Talkshow massiv in der Kritik. Streeck fragte sich, ob eine 100-jährige Krebspatientin noch teuerste Medikamente erhalten sollte. Es folgte ein Aufschrei, Regierung und Gesundheitsministerium distanzierten sich. Tatsächlich ist Streecks Äußerung schon darum angreifbar, weil er zwei zentrale Fragestellungen unglücklich vermischt hat.
1. Wie werden begrenzte Ressourcen am besten eingesetzt?
2. Wie behandeln wir Menschen am Lebensende am besten?
Die Diskussion über die beiden Aspekte ist grundsätzlich richtig und wichtig. Sie muss geführt werden. Denn dass die Mittel begrenzt sind, ist offensichtlich. Dabei hat jeder Patient Anspruch auf die bestmögliche Versorgung. Die grundgesetzlich garantierte Menschenwürde steht an erster Stelle. Vor diesem Hintergrund muss auch klar sein, dass überflüssige, kostentreibende Behandlungen nur um ihrer selbst willen tabu sind. Der Einzelne darf weder zur zahlenden Cashcow noch zum Versuchskaninchen werden. Ein System, das die behandelnden Ärzte dazu verleitet, in kaufmännischen Kategorien, in Umsatzzahlen zu denken und zu handeln, setzt falsche Anreize.
Es geht um jeden Einzelnen
Der Autor
Der gebürtige Emmericher Bernd Evers (56) arbeitet als Nachrichtenredakteur bei der Tageszeitung „Die Glocke“ in Oelde.
Nun geht es um den zweiten Aspekt des Themas: Was hilft dem Einzelnen in seiner Situation am besten? Für Ärzte ist diese Fragestellung aufgrund ihres hippokratischen Eides, ihrer ethischen Verpflichtung zum Wohle des Patienten, alltägliche Praxis.
Dabei geht es in der jeweiligen Einschätzung selbstverständlich nicht um das numerische Lebensalter, sondern um den individuellen Gesundheitszustand des Patienten, die Lebensqualität, sowie um mögliche Risiken einer Behandlung. Das kann für einen fitten 90-Jährigen ganz anders aussehen als für einen 60-Jährigen mit multiplen Vorerkrankungen. Entscheidend ist, dass dem einzelnen Menschen wohlwollend und mitfühlend in seinem Sinne geholfen wird.
Unter dem Strich ist und bleibt das Vertrauen in das medizinische System und die Arbeit der behandelnden Ärzte entscheidend. Insofern bergen die Aussagen Streecks in ihren unglücklichen Verkürzungen eine erhebliche Gefahr. Die Sorge um wirtschaftliche Zusammenhänge darf die ehrliche Diskussion um das Wohl der Einzelnen nicht beschädigen. Ansonsten könnte das Vertrauen in das medizinische System leichtfertig verspielt werden.
In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.