Interview mit Pastoraltheologe Wolfgang Beck

Hinkt die Kirche in der Digitalisierung hinterher?

Zum Thema „Digitale Lebenswelt als reale Jugendpastoral“ halten der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) im Bistum Münster und das Bischöfliche Generalvikariat am Dienstag, 5. Februar, eine Fachtagung. Unter den Rednern ist Pastoraltheologe Wolfgang Beck. Er sagt im Interview, wie die Kirche sich einbringen kann.

Professor Beck, hinkt die Kirche in der Digitalisierung hinterher?

Eine große Frage – aber ja! Es kommt natürlich darauf an, wie man Digitalität versteht. Es geht nicht nur um einzelne Medienfragen, sondern in der Soziologie wird längst von einer „Kultur der Digitalität“ gesprochen, etwa bei Felix Stalder. In der Kirche ist das Bewusstsein nicht präsent, dass Digitalität ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist. Man muss sich nicht nur neuer Medien bedienen und das Alte darauf anwenden. Jeder ist von Digitalität betroffen; alles läuft über digitale Medien. Die Nutzung der Social-Media-Kanäle prägt das digitale Miteinander und auch den Alltag vieler Menschen. Da sollte die Kirche beobachten und wahrnehmen, was die Medien bestimmt, damit sie versteht, womit sie es zu tun hat.

Ihr Workshop bei der Fachtagung heißt: „Was Christen zwischen ‚Schminktutorials‘ und Content-Marketing lernen könnten, wenn es um die Rede vom Glauben geht“. Wie sticht die Kirche in diesem Zusammenhang hervor?

Die Frage ist, ob die Kirche überhaupt eine herausragende Position haben muss. Klassische Formen von Autorität laufen auf den Social-Media-Kanälen oft ins Leere. Da sollte die Kirche ein Player neben anderen sein, ohne das Bemühen, per se eine Autorität darzustellen.

Warum?

In Social Media läuft es ja so, dass jeder jeden kommentieren kann. Versucht ein Akteur, sich eine herausgehobene Position anzumaßen, endet das eher schnell in Peinlichkeit.

Was kann die Kirche in diesem Zusammenhang lernen?

Sie sollte Partizipation lernen, indem sie sich an der Meinungsfindung beteiligt. Das sollte jedoch nicht doktrinär, also von einem exponierten Punkt aus, laufen. Zwar ist das doktrinäre Mitteilen eigener Positionen und Inhalte am einfachsten, aber auch am wenigsten glaubwürdig. Deshalb fordere ich gar nicht, dass die Kirche als Ganze anders agiert. Das wäre ja, als würde ich einen riesigen Tanker bewegen wollen, das ist meist wirkungslos. Stattdessen würde ich Einzelnen in der Kirche Mut machen wollen, sich in den unterschiedlichen Formaten der Social Media auch zu Glaubensfragen einzubringen. Das hält der „große Tanker“ sicher gut aus. Da sollten die kirchlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen haupt- und ehrenamtlich mitmachen und sich darauf einlassen; und das ohne den Habitus, dass sie schon alles wüssten. Das garantiert auch eine breite Vielfalt an Meinungen.

Wie sähe das konkret aus?

Zu aktuellen gesellschaftlichen Themen ließen sich verschiedene Positionen darstellen. Vor wenigen Wochen gab es ein Video eines Rasierklingen-Herstellers, das innerhalb weniger Tage viele Klicks hatte. Die Firma verzichtete darauf, das Produkt wirklich zu zeigen. Das Video thematisierte das Männerbild und sorgte für heftige Diskussionen. Es ist ein gutes Beispiel dafür, dass ein Player sich positioniert, sich in eine aktuelle Debatte einbringt und sie belebt.

Wie kann die Kirche damit Jugendliche erreichen?

Vor allem muss sie selbst überhaupt erreichbar sein. Die kirchlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sollten als Personen auftreten und ihren eigenen Glaubensweg sichtbar machen. So ist es auch oft bei den YouTube-Tutorials: Auch da sind die YouTuber bereit, privat von sich zu erzählen. Das kann man in manchen Formen auch durchaus kritisieren, aber es ist wichtig, das eigene Leben zu teilen und nicht nur Sachfragen zu thematisieren. Glauben als reine Sachfragen zu kommunizieren, entspricht weder dem Glauben noch den Mechanismen in Social Media.