Anzeige
Komm in den Login KLup
___STEADY_PAYWALL___

Münsteraner Forscherteam über Verschwörungstheorien, Vatikan-Akten und Nachfolger-Wahl

Historiker Wolf: Galen ist Vorbild für Zivilcourage auch in der Kirche

Anzeige

Hubert Wolf, Kirchenhistoriker an der Universität Münster, darf mit seinem Team in den Archiven des Vatikans über die Kirche in der Nazi-Zeit forschen. Was sich dort und in Tagebuch-Notizen des Bischofssekretärs Portmann über den Tod Kardinal von Galens am 22. März 1946, über Verschwörungstheorien und die lange Suche nach einem Nachfolger finden lässt, erklärt er im Interview zusammen mit seinem Mitarbeiter Matthias Daufratshofer.

Herr Wolf, Herr Daufratshofer, der große Kardinal Clemens August von Galen stirbt an den Folgen eines Blinddarmdurchbruchs. Wie ist diese Nachricht aufgenommen worden?

Buchtipp:
Heinrich Portmann – Tagebücher (1945-1946). Die Tagebücher des Sekretärs von Bischof Clemens August Graf von Galen vom 23. Dezember 1945 bis 12. Juni 1946
19,80 € | 292 Seiten | dialogverlag 2016
Dieses und weitere Bücher zu Kardinal von Galen können Sie bequem direkt hier bestellen...

Hubert Wolf: Das Entsetzen war riesengroß: Jetzt haben wir diesen Helden, der die berühmten Predigten gehalten hat und dafür von Papst Pius XII. zum Kardinal ernannt worden ist, jetzt kommt er aus Rom zurück nach Münster, und dann stirbt er am Blinddarmdurchbruch! Manche sagten: Typisch Jesuitenzögling – die haben beigebracht bekommen, nicht so sehr auf ihren Körper zu achten. Hätte er früher reagiert, hätte man operieren können. Andere sagen: Er ist rechtzeitig gestorben, weil ihm erspart geblieben ist, was sein Bruder Franz 20 Jahre lang erleben musste – nämlich nicht richtig anzukommen in der neuen Situation des Nachkriegsdeutschlands.

Matthias Daufratshofer: Unser Wissen heute, also dass der Kardinal an einem Blinddarmdurchbruch gestorben ist, war 1946 so selbstverständlich nicht. In den Tagebüchern von Heinrich Portmann, dem Privatsekretär Kardinal von Galens, gibt es am 27. April 1946 den Eintrag, dass in der Nacht vom 19. auf den 20. April vor Sankt Lamberti und der Heilig-Geist-Kirche ein Banner stand mit der Aufschrift „Clemens August Opfer des Secret Service – Heute ist Führers Geburtstag – Heil Hitler!“

Was hat es damit auf sich?

Daufratshofer: Es gab tatsächlich das Gerücht, der Kardinal sei durch einen Giftmordanschlag des britischen Auslandsgeheimdienstes umgebracht worden. Die Ärzteberichte belegen zwar eindeutig, dass ein Blinddarmdurchbruch für seinen Tod ursächlich war, aber das verhinderte nicht, dass Verschwörungstheorien entstanden. Bis 1950 wurde das Gerücht gestreut, die Briten hätten den Kardinal aus dem Weg geschafft.
Hubert Wolf: Das würde dazu passen, dass Galen aus Sicht der Besatzungsmacht die Kollektivschuld-These sehr pointiert zurückgewiesen hat und die Briten darüber äußerst irritiert waren. Gleichwohl wurde sein Tod offenkundig von manchen benutzt, um den sich nunmehr nicht mehr wehren könnenden Galen gegen sie und die Kollektivschuldthese in Stellung zu bringen.

Wie groß war das Vakuum durch seinen Tod in der Bistumsleitung?


Hubert Wolf ist Professor für Kirchengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. | Foto: Michael Bönte.

Wolf: Galen war 1946 zweifellos ein Heros. Nun gab es im Generalvikariat schlicht niemanden mit der notwendigen Autorität, um mit der Besatzungsmacht entsprechend verhandeln zu können. Und natürlich fehlte er als Identifikationsfigur, um nach den Schrecken des Krieges wieder Mut zu machen. Es war ein Schock.
Matthias Daufratshofer: Das war auch für die Münsteraner Bevölkerung ein Schock! Als Galen in der Erphokapelle von Sankt Mauritz aufgebahrt wurde, bildeten sich lange Schlangen von Menschen, die sich verabschieden wollten. Auch die internationale Presse, sogar Zeitungen in Brasilien, Argentinien und Chile, hat berichtet! In den vatikanischen Akten haben wir vor kurzem die Reaktionen des Vatikans beziehungsweise des damaligen Nuntius in Deutschland, Cesare Orsenigo, dazu ausgegraben. Er schreibt in seinem Beileidstelegramm von einem der „hervorragendsten Deutschen in allen Zeitverhältnissen, der in allem, was er unternahm, sich selbstlos nur von der Liebe zur Gerechtigkeit und von der Sorge für seine Diözese leiten ließ. Wir schauten stets mit großer Hoffnung auf ihn.“

Wie ging es nach seinem Tod weiter?

Daufratshofer: Das Domkapitel hat einen Diözesanadministrator, damals noch Kapitularvikar genannt, gewählt: Domkapitular Franz Meis. Allerdings ist auch er zwei Monate später gestorben, was erneut zu Verschwörungstheorien führte. Im Juni 1946 wurde Franz Vorwerk zum Kapitularvikar gewählt. Vom Tod von Galens an gerechnet dauerte es anderthalb Jahre, bis Michael Keller im Oktober 1947 zum neuen Bischof von Münster geweiht wurde.

Welche anderen Kandidaten standen auf der „Terna“, der Dreierliste aus Rom, aus der das Domkapitel Galens Nachfolger wählte? Was konnten Sie in den vatikanischen Archiven herausfinden?

Wolf: Wir wissen auf jeden Fall, wo im Archiv diese Terna liegt, und wir wissen, dass wir sie werden sehen dürfen, sobald Corona unsere Arbeit in Rom wieder ermöglicht ... Wir wissen bereits von negativen Reaktionen aus Rom auf das Verhalten des münsterschen Domkapitels. Denn offenbar kam die Terna relativ früh in Münster an, aber das Domkapitel hat nicht gewählt. Wir wissen auch, dass der damalige Bischof von Osnabrück, Wilhelm Berning, überhaupt nicht erfreut darüber war, dass ein Domkapitular seines Bistums, nämlich Michael Keller, gewählt wurde. Da stellt sich natürlich die Frage, ob es im Bistum Münster keinen eigenen geeigneten Kandidaten gab. Wen hat das Domkapitel vorgeschlagen? Womöglich hat Rom eine Liste ohne einen einzigen Münsteraner Namen geschickt. Gut vorstellbar, dass das Domkapitel sich deshalb Zeit gelassen hat mit der Wahl.

Was glauben Sie, wie Galen die Kirche im Nachkriegsdeutschland geprägt hätte, wäre er nicht mit 68 Jahren gestorben?


Matthias Daufratshofer ist wissenschaftlicher Miarbeiter der Forschungsstelle für die Geschichte des Bistums Münster an der Universität Münster. | Foto: pd.

Daufratshofer: Dazu fällt mir eine kleine Episode über den Wiederaufbau und die Umgestaltung des Münsteraner Doms ein. Im Archiv der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom habe ich zufällig die Korrespondenz zwischen dem Bruder des Kardinals, Franz von Galen, mit dem päpstlichen Privatsekretär Robert Leiber gefunden. Darin geht es unter anderem darum, dass sich Franz von Galen von 1953 bis 1955 massiv über die Pläne von Michael Keller beschwert hat. Also: Franz von Galen wendet sich sogar an Pius XII., zumindest gewissermaßen an sein Vorzimmer, und schreibt, dass „unser lieber alter Dom von wohlmeinenden, aber irrenden ‚Lithurgisten‘ so verschandelt“ werde. Sein Argument: „Wenn mein Bruder der Kardinal noch lebte, wäre die ganze Sache niemals in Frage gekommen oder vor seinem ruhig-entschlossenen ‚Nein‘ verschwunden. Da er nicht mehr lebt, müssen wir noch in letzter Minute versuchen, diesen haarsträubenden Unfug zu verhindern.“

Wolf: Es gibt bis heute nur einen einzigen seliggesprochenen Bischof aus der Zeit des Nationalsozialismus: Das ist von Galen. In meiner Heimatdiözese Rottenburg-Stuttgart sind wir gerade dabei, einen Seligsprechungsprozess für Bischof Johannes Baptista Sproll (1870-1949) durchzuführen. Er ist der einzige deutsche Bischof, der wegen seines Widerspruchs 1938 von den Nazis ins Exil getrieben wurde. Und Galen schreibt Sproll: „Sie sind der einzige aller unserer Bischöfe, die von Gott die Gnade des Martyriums bekommen haben.“ Will sagen: Ich, Galen, nicht. Sproll lebt zwar bis 1949, doch obwohl auch er als Bekennerbischof gilt, zermürbte ihn seine schwere Multiple Sklerose völlig. Und doch kommt es erst nach dem Jahr 2000 zum Seligsprechungsverfahren, weil es einfach zu viel Kleinklein gab. Bei Galen konnte man sofort beginnen: Der Held kommt zurück, der Papst würdigt seine Predigt – seine anderen Predigten wie die schreckliche zum Russlandfeldzug oder gar sein schwieriges Verhältnis zum Judentum spielen keine Rolle –, er wird Kardinal und stirbt. Und wird 2005 seliggesprochen.

Wo kann von Galen auch für die Kirche heute wegweisend sein?

Wolf: Galen hat seine berühmten Predigten vermutlich nicht selbst geschrieben, sondern wohl einen der besten Prediger in Deutschland, den Münsteraner Homiletik-Professor Adolf Donders gebeten, sie für ihn zu schreiben. Galen braucht lange, er wird gedrängt, er zögert – dann aber ist er entschlossen und bereitet diese Predigten ausführlich vor, auch indem er sich Rat holt. Dass sich Bischöfe Rat holen – da kann Galen auch heute Vorbild sein. Vor allem aber beeindruckt mich seine Zivilcourage, die er am Ende beweist. Wenn es Bischöfen aber auch anderen in der Kirche Verantwortlichen gelänge, eine solche Zivilcourage angesichts von Missbrauch und Missachtung von Menschen in unserer Kirche, aber auch in unserer Gesellschaft zu wagen, dann wäre die Seligsprechung von Galens etwas Positives, und dann wäre er uns wirklich nahe. Galen war nicht hell oder dunkel, Galen hatte viele Grautöne. Das macht ihn mir als Mensch sympathischer, als wenn er in seraphischer Höhe oben auf dem Altar thronte, denn dann bräuchte man ein Fernglas, um ihn zu sehen. Aber so war von Galen zu Lebzeiten definitiv nicht.

Buchtipps zu Kardinal von Galen
Im Dialogverlag Münster sind zwei Bücher über den seligen Kardinal Clemens August Graf von Galen erhältlich. Zu beiden erfahren Sie mehr über die Links, zudem können Sie die Bücher bequem direkt bestellen.

Eine historische und aktuelle Einordnung der berühmten Predigten des Kardinals liefert das Buch „Endlich hat einer den Mut zu sprechen“, herausgegeben von Markus Trautmann, Christiane Daldrup und Verona Marliani-Eyll.

Eine Erzählung nicht nur für Jugendliche ist das Buch „Weiße Rosen für den Löwen“ von Markus Trautmann und Verona Marliani-Eyll.

Drucken
Anzeige