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Mathias Albracht zu überfälligen Unterbrechungen und heilsamer "Sommerfrische"

Hitzestau in der Kirche: Der Laden hat sich heißgelaufen

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Die hochsommerlichen Temperaturen machen so manchen zu schaffen. Da geht einem die Luft aus, Überhitzung droht. Unser Gast-Kommentator Mathias Albracht sieht eine Parallele zur Situation der katholischen Kirche. Er ermutigt, die Fenster weit aufzureißen. 

Vor fünf Jahren bin ich in meine erste Wohnung in Münster gezogen. Top Lage, zwei vollverglaste Wohnungswände, Dachgeschoss mit Blick auf die Altstadt und das Beste: Ein echtes Schnäppchen. Einen Nachteil hatte das Ganze: Im Sommer wurde es bei Sonnenschein ziemlich warm. Gerne auch mal 40 Grad. Hitzestau.

Ein Wort, das mir gerade in diesen Tagen auch mit Blick auf die Lage der Kirche einfällt. Auch hier herrscht eine Art Hitzestau vor. Dinge sind aus den Fugen geraten. Verschlepptes Versagen von Jahrzehnten auf allen Ebenen vor Augen. Düstere Zukunftsaussichten, was gesellschaftliche Wahrnehmung und Relevanz betrifft. Vielerorts verständlicherweise entmutigte und ausgelaugte Kolleginnen und Kollegen in Haupt- und Ehrenamt. Der Laden hat sich heiß gelaufen!

Abstand ermöglicht unaufgeregten Blick

Der Autor
Mathias Albracht (geb. 1989) ist Theologe, Social-Media-Redakteur, Rundfunkbeauftragter des Bistums Münster sowie Autor und Sprecher in WDR 5 und Deutschlandfunk Kultur.

Und so wünsche ich mir etwas für die Menschen in der Kirche – und meine es ganz und gar nicht banal: „Sommerfrische“. Ein aus der Zeit gefallenes Wort für eine wohltuende und überfällige Unterbrechung im „Weiter so“. Sie kann eine heilsame Distanz mit sich bringen, damit es danach sinnvoll weitergehen kann.

Denn die Frage, ob das, was ich als kirchlicher Akteur mache, anderen noch Sinn stiftet, kann ich mir nur stellen, wenn ich den Betrieb unterbreche. Der gewonnene Abstand ist es, der einen unaufgeregten Blick auf den Status Quo überhaupt erst erlaubt. Eventuell geht mir dann auch auf, dass es Zeit für Inspiration und Hilfe von außen ist, weil der innere Blick doch irgendwie nur auf der überhitzten Stagnation liegen kann. 

Allerlei grün sprießendes Vokabular

Die „Frische“ in Sommerfrische verspricht Lebendigkeit, die es zu pflegen gilt. Auch, damit ich nicht selbst vertrockne oder als vertrocknetes Etwas wahrgenommen werde. Gerade natürlich dann, wenn ich für eine Religion in der Welt stehen will, die permanent von aufblühender Kraft, Erquickung, Neubeginn und mit allerlei grün aufsprießendem Vokabular, das Lebendigkeit suggeriert, spielt.

Ich glaube, dass mein Glaube das hergibt. Nur braucht es manchmal die Unterbrechung oder die aufgerissenen Fenster, damit es nicht zu einem Stillstand durch Überhitzung kommt und stattdessen überfällige Korrekturen wahrgenommen werden, die vielleicht mehr im Dienst einer frohen Botschaft stehen als der heiß gelaufene Unwille eines „Immer nur weiter so“.

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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