Petra und Rolf Klein aus Münster pilgern in Etappen nach Santiago

Hochzeitstag auf dem Jakobsweg

Als Rolf Klein seine Frau Petra 2008 fragte, ob sie mit ihm nach Santiago des Compostela pilgern wolle, war sie gerade hochschwanger. Wie das denn gehen solle? In Etappen. Inzwischen haben die beiden die Hälfte der Strecke erlaufen.

Sie starteten in Münster-Mecklenbeck an einem verlängerten Wochenende mit wenig Gepäck und mit dem Pilgersegen versehen. Seither pilgern die beiden Mecklenbecker Jahr für Jahr ein Stück weiter, fangen dort wieder an, wo sie zuvor aufgehört haben.

Religiosität, Gesundheit, Zeit

Am Ostersonntag begann ihr diesjähriger Wegabschnitt im französischen Périgueux in der Dordogne. Sie hatten sechs Tage Zeit und konnten unterwegs ihren 20. Hochzeitstag feiern. Um die vier Kinder kümmerte sich in dieser Zeit eine Tante von Petra Klein.

Was sie antrieb? „Das lag anfangs irgendwo zwischen Religiosität, Gesundheit und Zeit für uns beide“, berichtet Rolf Klein. Im Prinzip habe sich das nicht geändert.

„Aber das ist immer mehr unsere Zweierwelt geworden“, überlegt er weiter. Zeit für sie beide als Ehepaar zu haben und diese Zeit auch schweigend, auf jeden Fall aber pilgernd zu verbringen, das gehört für Petra und Rolf Klein zu den Höhepunkten eines jeden Jahres.

„Es wird durchgelaufen“

Die Regeln haben sie sich selbst gegeben: „Es wird durchgelaufen“, erklärt Petra Klein. Also: kein Taxi, kein Bus, kein Zug, während sie pilgern. Und es gibt Rituale, etwa das An- und Abpilgern, das aus einem gemeinsam gesungenen Lied besteht: „Pilger sind wir Menschen, suchen Gottes Wort, unerfüllte Sehnsucht treibt uns fort und fort ...“ Wenn sie es zu Beginn ihrer Pilgeretappe singen, legen sie feierlich ihre Muscheln um, die an Lederbändern baumeln.

Ganz ernst können sie beim Erzählen aber nicht bleiben. Denn die Geschichte, wie sie an ihre Pilgerzeichen gelangt sind, regt immer wieder zum Schmunzeln an:

Unterwegs auf ihrer ersten Etappe war ihnen aufgefallen, dass sie gar nicht als Pilger zu erkennen waren. In einer Eisdiele erstanden sie für zehn Cent pro Stück zwei der altbekannten „Leckmuscheln“, die in etwa den Jakobsmuscheln ähneln, die Symbol für den Pilgerweg nach Santiago sind. Sie wurden leergelutscht, durchbohrt und mit einem Lederband versehen. „Man wird sofort erkannt“, freut sich Petra Klein. „Und diese Muscheln gehen nicht kaputt.“

Schlafen unter freiem Himmel

Dass sie unterwegs als Pilger erkennbar sind, hat ihnen schon manches gute Gespräch ermöglicht. Kaffee wurde ihnen ebenso angeboten wie Unterkünfte. Trotzdem kam es vor, dass Petra und Rolf Klein keine Bleibe für die Nacht fanden und unter freiem Himmel schlafen mussten. Seither nehmen sie vorsichtshalber ein Zelt mit, wenn sie unterwegs sind.

Einmal waren sie die ersten Gäste einer noch nicht ganz fertiggestellten und noch nirgendwo verzeichneten Pilger­unterkunft, in der sie vom Pfarrer des Ortes, der gerade noch mit dem Anstrich beschäftigt war, begrüßt wurden.

Haupterkenntnis: Gelassenheit

Alles, was das Ehepaar Klein unterwegs erlebt, wird ins Tagebuch eingetragen. Dort finden sich auch Gedanken über das Pilgern. Rolf Klein erzählt: „Unsere Haupterkenntnis war: Gelassenheit.“ Aber auch die Sensibilität für das Außergewöhnliche: „Wenn man tagelang nur durch die Dörfer geht, wird das Große dann noch größer“, berichtet Petra Klein.

Als sie und ihr Mann in Vézelay ankamen und die Kathe­drale betraten, wurden sie vom Gregorianischen Gesang der Laudes empfangen. Petra Klein: „Das hatte es etwas sehr Mystisches.“

Logistische Herausforderung

Medientipp
„Ich bin dann mal hier“ ist ein multimedialer und interaktiver Pilgerführer über den westfälischen Jakobsweg von Bielefeld nach Wesel. Mit Reportagen, Gebeten, Videos und der Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu teilen. Ein Projekt der Redaktion von „Kirche+Leben“ und der Medienagentur Kampanile.

Die beiden haben viel zu erzählen: von schlechtem Wetter und von Hitze und Durst, von besonderen Orten wie dem französischen Wallfahrtsort Nevers und von ganz normalen Dörfern und Campingplätzen, von Predigten, die sie unterwegs hörten und die wie für sie gemacht schienen und Menschen, die sie unterwegs kennen lernten.

Diese Art des Pilgerns in Etappen biete Vorteile, nicht nur weil man mit wenig Gepäck auskomme, erzählen beide. Die Logistik wird aber mehr und mehr zur Herausforderung, da die Kleins immer weitere Anfahrtwege haben und die jeweiligen Start- und Zielpunkte erreichbar sein müssen.

Noch 1400 Kilometer

Die abenteuerlichsten Anfahrten waren beeinflusst von Bahnstreiks und mangelndem Benzin an Tankstellen. In Frankreich führen viele Zugverbindungen nahezu zwangsläufig über Paris, was viele Zusatzkilometer bedeutet, die die Kleins immerhin nicht laufen mussten.

Was sie wunderte und bestärkte, war auch der Wunsch, den ihnen viele Franzosen mit auf den Weg gaben: Sie verabschiedeten sie nicht wie üblich mit „Bonne route!“ – „Guten Weg!“, sondern mit „Bon courage!“ – „Guten Mut!“. Den haben Petra und Rolf Klein für ihren gemeinsamen Pilgerweg, der sich in den nächsten Jahren noch etwa 1400 Kilometer fortsetzen wird.