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Jedes Jahr am 27. Januar stehen die NS-Opfer im Mittelpunkt. Eine Gemeinde im nördlichen Ruhrgebiet stemmt sich gegen das Vergessen.
Anlässlich des am 27. Januar offiziell begangenen Holocaust-Gedenktags haben sich nach einem Gottesdienst in der Gastkirche in Recklinghausen mehr als 40 Gemeindemitglieder an dem Stolperstein vor dem Haus Steinstraße 12 versammelt. Schwester Judith Kohorst, die als Pastoralreferentin an der Gastkirche wirkt, erinnerte am Sonntagabend daran, dass an dieser Stelle die ansässige Familie Markus ein kleines Obst- und Gemüsegeschäft betrieb, das am 9. November 1938 von den Nazis überfallen und zerstört wurde.
Die vierköpfige Familie musste anschließend in der Kellerstraße in einem so genannten Judenhaus in einem Zimmer „zwangswohnen“. 1942 wurde die Familie mit vielen anderen Leidensgenossen nach Riga (Lettland) transportiert. Im selben Jahr wurden dort die Eltern Selma und Robert ermordet. Die Kinder Ilse (15 Jahe) und Ruth (13 Jahre) kamen schließlich in das KZ Stutthof bei Danzig und wurden 1944 getötet.
Worte von Elie Wiesel
Pfarrer Ludger Ernsting trug einen Text des Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel vor, in dem dieser als einer der wenigen Holocaust-Überlebenden in erschütternder Weise das Empfinden der Menschen während der Todestransporte zu beschreiben versucht. Mit jeweils einem Gongschlag, dem Verlesen des Namens und dem Niederlegen einer weißen Rose wurde der einzelnen Familienmitglieder gedacht.
Pfarrer Ernsting erinnerte daran, dass der 27. Januar 1945 nicht nur weltweit als Tag der Befreiung von Auschwitz begangen werde, sondern ein Gedenktag für alle Opfer des Nazi-Regimes geworden sei. Dieser Tag stehe auch zeichenhaft für das Ende der Diktatur. Mit dem Singen des Lieds „Shalom chaverim“ endete das Gedenken der Gastkirchen-Gemeinde an ihre Nachbarn Selma, Robert, Ilse und Ruth Markus.
Gedenken an „Polen-Kaplan“
Einige Tage zuvor hatte das Stadtkomitee der Katholiken eine Gedenktafel für ein KZ-Opfer an der St.-Antonius-Kirche enthüllt. Deren Vertreter erinnerten dabei gemeinsam mit Bürgermeister Axel Tschersich (SPD) an den Tod von Dechant August Wessing (1880–1945) im KZ Dachau.
Während seiner Zeit in St. Antonius von 1907 bis 1924 hatte er sich als sogenannter „Polen-Kaplan“ im Bergarbeiter-Stadtteil König Ludwig besonders der fremdsprachigen Zuwandererfamilien angenommen. Dies waren in der Aufbauphase des Bergbaus fast 70 Prozent der Gemeindemitglieder.
Widerstand gegen Rassismus
Als Wessing sich später als Pfarrer in Hoetmar im Kreis Warendorf gegen den Rassismus der nationalsozialistischen Ideologie und für ukrainische, russische und polnische Zwangsarbeiter einsetzte, wurde er 1942 verhaftet und in das KZ Dachau transportiert.