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Christoph Gilsbach lädt zur Premiere in die Heilig-Geist-Kirche

„Ich bin Passion“: Pantomime zeigt Jesu Leidensgeschichte in Münster

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Wer klassische Passions-Bilder sucht, ist bei der Premiere von „Ich bin Passion“ des Pantomimen Christoph Gilsbach falsch. In der Heilig-Geist-Kirche in Münster übersetzt er den Kreuzweg in eindringliche, aktuelle Szenen.

Die Passion zieht er von hinten auf. Erste Station: der Gang nach Emmaus. Christoph Gilsbach hat die Reihenfolge bewusst gewählt. „Ich will mit den Zweifeln der Menschen beginnen, mit dem Hadern, mit den Bedenken.“ Weil diese Gefühle jeder von sich kenne, sagt der Künstler. „Gerade jetzt, gerade in dieser Zeit, gerade in der heutigen Situation von Glauben und Kirche.“

Gilsbach lädt am zweiten Fastenwochenende zur Premiere von „Ich bin Passion“. Ein Ein-Mann-Stück, das er dreimal in der Heilig-Geist-Kirche in Münster aufführen wird. „Schlüsselszenen der Passion Christi als mimische Performance“, ist es überschrieben. Pantomimisch wird er es präsentieren, das ist seine ganz persönliche Passion: Gilsbach hat Clownerei und Pantomime an der Folkwang-Universität in Essen studiert. Seither ist der 65-Jährige über Jahrzehnte im In- und Ausland unterwegs – er begeistert, belustigt und macht nachdenklich. Als Clown, Pantomime und Zauberer.

Das Tragische rückt näher

Schwere Themen gehören immer dazu. Als Klinikclown kommt er damit oft in Berührung. Und er macht das Tragische selbst zum Inhalt seiner Darstellungen. „Das Leben – eine lebendige Begegnung mit dem Tod“ heißt ein anderes Programm von ihm. Dabei sitzt er mit seinem „Kumpel Tod“, einer lebensgroßen, gesichtslosen Puppe, auf der Bühne und begegnet der Schwere des Lebensendes unmittelbar und ohne Berührungsängste.

Und jetzt die Passion Christi. Auch dabei ist ihm die unmittelbare Nähe wichtig: „Ich will die Geschehnisse von damals nicht in der Vergangenheit lassen – ich will sie in die Aktualität bringen, in das persönliche Erleben und Empfinden der Menschen in der heutigen Zeit.“ Eine klassische Darstellung wie etwa bei Passionsfestspielen oder in Kreuzwegen wäre für ihn nicht infrage gekommen. „So eindeutig und aktuell die Aussagen darin sind, die Bilder bleiben aber in der Zeit von vor 2000 Jahren.“ Und genau das will er nicht. Vielmehr den Transfer der damaligen Szenen in die Gefühlswelt der Menschen im dritten Jahrtausend.

Die Wucht der Nähe

Die Zuschauer sollen sich selbst entdecken, sagt Gilsbach. „Das bin ja ich, das kenne ich doch, genauso fühle ich mich auch manchmal.“ So will er die Leidensgeschichte Jesu rüberbringen. „Ich will das Drama von damals nicht wegprojizieren.“ Im Gegenteil: Die Passion Jesu erfährt für ihn im Leben jedes Menschen dann eine besondere Wucht, „wenn sie nicht weit weg ist, sondern ganz nah.“

Kein leichtes Unterfangen ist das, das gibt er zu. Fast vier Jahre hat er mit dem Thema gerungen und dabei auch mal alles wieder über den Haufen geworfen. Etwa als er bemerkte, dass die 14 Stationen des Kreuzwegs ihn überforderten. „Ich hätte es nie geschafft, jeden dieser tiefen Momente genauso tiefsinnig für mich zu übersetzen.“ Am Ende hat er sich für die Bilder entschieden, die ihn besonders berühren. In denen er besonders großes emotionales Potenzial empfindet. Mit denen er den Nerv der Zeit besonders genau treffen will.

Tränen sind nicht ausgeschlossen

So springt er von der Emmaus-Geschichte zum Ölberg. Eine Szene, die für ihn den Blick auf Selbstzweifel und Ängste eines jeden Menschen schonungslos freilegt. „Ich stelle gern Taschentücher bereit“, sagt Gilsberg, der die Schwere der Entscheidung über Leben und Tod in diesem Bild auf die Bühne bringt. Ein Kampf mit dem Unsichtbaren vor farbigem Hintergrund – existentiell, mit Hochspannung, brutal.

Er bleibt nicht in dieser Brutalität. Er sendet auch die Mut machende Botschaft dieses Momentes mit ebenso starker Intensität. „Gott hat sich zum Leiden entschieden, er zeigt, dass er wie wir den Schmerz ertragen will, er gibt uns die Zusage, dass er wie wir ist.“

Zusammenbrechen, auch ohne Kreuz

Auch in den weiteren Szenen hält sich Gilsbach nicht an die Reihenfolge und Ordnung des klassischen Kreuzwegs. Wichtiger ist ihm die Intensität der Bilder, die er gewählt hat. Etwa der Weg Jesu hinauf nach Golgatha. „Ein Kreuz werden die Zuschauer nicht auf meinem Rücken sehen.“ Trotzdem wird Gilsbach zusammenbrechen und immer wieder aufstehen. Auf dem Rücken aber trägt er keinen Holzbalken, sondern die Last der Menschen aus den Kirchenbänken. Sie können sie zuvor auf Holzbretter schreiben, die ausliegen.

Für seine Darstellung reichen ihm diese einfachen Requisiten. Auch auf Golgatha, unter dem Kreuz mit den riesigen Nägeln darin. Es sind Gummibänder, die ihn auf den Kirchentreppen davor hin- und herreißen, bis er seine Position gefunden hat – verrenkt, schmerzverzerrt, gefesselt. Gebete, Gesänge und tiefgründige Texte aus dem Off begleiten seine Pantomime. „Ich bin dabei kein Jesus-Darsteller, ich bin ein Jedermann, der das erlebt, was Jesus in ganzer Brutalität erleben musste.“

Mitleiden möglich

Diese Möglichkeit des Mitleidens ist die Kernidee seiner Performance. Gilsbach hat für dieses Ziel selbst Geld in die Hand genommen, um etwa Technik oder die Regie zu finanzieren. Und er hat Freunde begeistern und einspannen können, die ihn ehrenamtlich unterstützen. Für den Künstler war es trotzdem eine Art „Corona-Projekt“, in finanziell unsicheren Zeiten in seiner Branche. „Dafür habe ich schon Mut gebraucht.“ Auch wenn er etwas Unterstützung durch ein Stipendienprogramm des Landes NRW bekam – einträglich ist ein solches Unterfangen kaum. Eintritt will er trotzdem nicht nehmen. Die Botschaft steht für ihn im Vordergrund. Aber um Spenden bittet er.

Gilsbach wusste vor vier Jahren noch nicht, welche Intensität das Thema seiner Darstellung in den Tagen der Premiere erreicht. „Zu den immerwährenden Lebensbrüchen wie Verlust, Krankheit oder Tod kommen derzeit noch Katastrophen von außen“, sagt Gilsbach. Der Krieg in der Ukraine oder die Pandemie haben eine neue Dimension an Ungewissheit, Ängsten und Verzweiflung gebracht, sagt er. „Weil wir ihnen ausgeliefert sind, ohne sie eigenständig in den Griff bekommen zu können.“

Vehemente Übersetzung

Seine Darstellung der Passion soll helfen, diesen Gefühlen zu begegnen und sich ihnen zu stellen. Ohne aber davor zu erstarren. Denn letztlich mündet die Passion auch bei ihm in der einen großen Hoffnung: „Dass eine Befreiung gelingt, dass wir dieses Leiden hinter uns lassen.“ So wie Jesus es vor 2000 Jahren getan hat. Gilsbach übersetzt es in das Leben der Menschen heute. Unmittelbar, nachvollziehbar, vehement.

Die Sitzplätze in der Heilig-Geist-Kirche in Münster sind aufgrund der Pandemie auf 100 begrenzt. Die Plätze müssen vorher unter christophgilsbach(at)t-online.de reserviert werden. Für die Premiere von „Ich bin Passion“ am Sonntag, 13. März, um 18 Uhr sind bereits alle Karten vergriffen. Für die Veranstaltungen am Montag, 14. März (18 Uhr), und am Dienstag, 15. März (19 Uhr), sind noch Reservierungen möglich.

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