Alltagsstruktur der Menschen mit Behinderung und Produktion sollten erhalten bleiben

Im Lockdown gab es auch im Stift Tilbeck Home-Office

  • Bewohner und Mitarbeiter im Stift Tilbeck traf der Corona-Lockdown hart
  • Alltagsstruktur, Produktion und Betreuung der Menschen mit Behinderung mussten aufrecht erhalten werden
  • Das bedeutete: Die Produktion der Werkstätten wurde ins Home-Office verlagert

Da saß sie plötzlich in ihrer kleinen Küche, durfte keinen Besuch empfangen, selbst niemanden besuchen, nicht arbeiten gehen, nur kurze Spaziergänge auf dem Gelände von Stift Tilbeck machen. Auch einer ihrer Lieblingswege war ihr nicht mehr möglich, erinnert sich Ann-Christine Heidelmann: „Unser Café hatte geschlossen, es gab keinen Kaffee und keinen Kuchen.“ Am 19. März hatte der Corona-Lockdown hauch die Einrichtung für Menschen mit Behinderung in den Baumbergen des Münsterlandes erreicht. Wohnbereiche und Werkstätten für 450 Mitarbeiter wurden weitgehend geschlossen.

Für die Menschen mit Behinderung, egal ob sie wie Heidelmann in einem eigenen Appartement oder in größeren Wohngruppen leben, bedeutete das einen harten Einschnitt in den Alltag. Denn der ist sonst gut gefüllt mit Arbeit in den Werkstätten, Betreuungsangeboten und selbstständig gestalteter Freizeit. Auch die Betreuer mussten in dieser Situation ihren Einsatz neu organisieren. Und nicht zuletzt mussten die Werkstätten ihre Arbeit zumindest teilweise aufrechterhalten. Die Produktion musste weiterlaufen, um Aufträge der Kunden zu erfüllen.

Mit der Karre Material geholt

Endlich wieder in der Werkstatt: Ann-Christine Heidelmann (links) mit ihrer Betreuerin Bianca Mulders. | Foto: Michael Bönte
Endlich wieder in der Werkstatt: Ann-Christine Heidelmann (links) mit ihrer Betreuerin Bianca Mulders. | Foto: Michael Bönte

Für Heidelmann lief deshalb wie für viele andere Bewohner in Stift Tilbeck ein besonderes Home-Office an. „Morgens mit der Karre zur Werkstatt, Material aufladen und zurück ins Appartement“, sagt Betreuerin Bianca Mulders. „Am nächsten Morgen konnten wir die fertigen Produkte dann mit der Karre wieder zur Werkstatt bringen.“ Bei Heidelmann waren das Fahrrad-Gepäckträger, bei denen sie Verschluss-Federn montieren musste. Was sie in der Werkstatt mit Hilfe einer Druckluft-Maschine erledigt, war in ihren eigenen vier Wänden nur in Handarbeit möglich.

Ihr kleiner Küchentisch war jetzt ihr Arbeitsplatz, das Radio lief von morgens bis abends. Mittags kochte sie, die Zutaten besorgte ihr die Betreuerin. Die Situation zwischen gestapelten Gepäckträgern und Materialboxen erlebte die 34-jährige Bewohnerin aber alles andere als beklemmend. „Im Gegenteil – ich war ja froh etwas zu tun zu haben“, sagt sie. „Die Zeit im Lockdown verging damit etwas schneller.“

Hohe Hürden für Menschen mit Behinderungen

Heidelmann konnte das alles gut einordnen. Sie verstand, warum die Maßnahmen notwendig waren, welche Perspektiven es gab. Für andere Bewohner waren die Hürden des Lockdowns viel höher, sagt ihre Betreuerin. „Alle haben gespürt, dass etwas vor sich ging – es einzuordnen war aber nicht allen möglich.“ Bianca Mulders fast die Situation in einem Beispiel anschaulich zusammen: „Erkläre mal einem Menschen mit Down-Syndrom, dass er dich nicht umarmen darf.“

Viel Einfühlungsvermögen war gefragt, um den Bewohnern einen Alltag mit einer für sie wichtigen Struktur zu ermöglichen. Gerade bei Mitarbeitern und Bewohnern mit größeren Einschränkungen mussten damit Unsicherheiten vermieden werden. Das erlebte auch Ulrich Kampmannn, der sonst eine Gruppe mit Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen betreut. Im Lockdown saß der Heilerziehungspfleger zeitweise nur mit einem Mitarbeiter in der Werkstatt. „Acht Stunden am Tag, die nur zu einem kleinen Teil mit Arbeit gefüllt werden konnten, ohne Kontakte in der Gruppe, ohne den bekannten Rhythmus.“ Er sagt, ohne das gute Wetter und das weitläufige Gelände von Stift Tilbeck wäre die Zeit kaum zu meistern gewesen. „Lange Spaziergänge waren oft die Rettung.“

Ganz normal läuft immer noch nicht alles

Ulrich Kampmannn (links) war im Lockdown oft in der Einzelbetreuung im Einsatz. | Foto: Michael Bönte
Ulrich Kampmannn (links) war im Lockdown oft in der Einzelbetreuung im Einsatz. | Foto: Michael Bönte

Alle in Stift Tilbeck atmeten also tief durch, als nach drei Monaten die strengen Beschränkungen aufgehoben werden konnten. Bei Heidelmann reichte es sogar für einen „Freudentanz in der Küche“. Ihr erster Weg führte sie ins Café. Genauso freut sie sich seither über die täglichen Wege in die Werkstatt. „Endlich wieder mit den anderen hier sitzen und reden.“ Das Gefühl des ganz normalen Alltags ist noch nicht wieder zurück. Das verhindern Plexiglasscheiben, Masken und markierte Laufwege. Aber das Gefühl der Gemeinschaft ist wieder da. „Und das ist das wichtigste“, sagt Heidelmann.

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