Genn leitet zuständige Kommission der Deutschen Bischofskonferenz

Interview: Bischof Genn über Berufungen, Priester und den Zölibat

Der Leiter der Kommission für geistliche Berufe der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Felix Genn aus Münster, spricht im Interview mit „Kirche+Leben“ über die Situation bei Berufungen, über Priesterweihen und die Zukunft des Zölibats.

Herr Bischof, warum ist ein Weltgebetstag für geistliche Berufe nötig?

Papst Paul VI. hat diesen Weltgebetstag eingeführt in einer Zeit, in der sehr um das priesterliche Selbstverständnis gerungen wurde. So ein Tag ist heute nötiger denn je, weil nicht nur die Berufung zum Priesteramt zahlenmäßig zurückgeht, sondern auch die Berufung in die vielfältigen Formen des geweihten Lebens: vom kontemplativen Leben bis zum Eremitendasein und zur Gestalt der geweihten Jungfrauen. Um diese Berufungen im Bewusstsein zu halten, wird der Weltgebetstag Jahr für Jahr gestaltet.

Die Zahl der Priesterweihen in Deutschland geht zurück. Wird zu wenig für geistliche Berufe gebetet?

Zu sagen, es liegt nur daran, wäre mir eine zu einfache Antwort. Aber immerhin bleibt das Wort des Herrn im Evan­gelium bestehen: „Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.“ Es gibt zwei ausdrückliche Gebetsbitten Jesu. Die andere ist die Bitte um die Einheit seiner Jüngerinnen und Jünger. Ich denke das so: Wenn sich Menschen, die Glieder am Leib der Kirche sind, nicht mehr zu eigen machen, dass das Gebet um Priester ein wichtiges Anliegen sein sollte, dann wird der Herr, menschlich gesprochen, damit umgehen. Letzten Endes führt der Herr seine Kirche.

Wie kann ich denn erkennen, ob ich zum Priester oder zur Pastoralreferentin, zur Ordensfrau oder zum Ordensmann berufen bin?

Das Entscheidende ist, dass ich eine Sensibilität für mich selber entwickele: Was tut sich in mir, was ist mein Lebensentwurf? Etwas salopp gesagt: Was ist mein Ding? Und das Zweite ist, dass ich das in großer Offenheit mit einem Menschen meines Vertrauens bespreche. Bei der Suche wird sich im Laufe der Zeit herauskristallisieren, was der Weg des Einzelnen ist.

Was muss passieren, damit ich den Ruf Gottes hören kann?

Evangelische Räte
Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam werden als die „evangelischen Räte“ bezeichnet. Die Ordensleute verpflichten sich in den Gelübden dazu, ein Leben zu führen, das diesen evangelischen Räten entspricht. Sie werden im Evangelium empfohlen. Weihbischof Stefan Zekorn hat 2017 ein Buch über die evangelischen Räte verfasst. Zekorn sieht sie als eine „Bereicherung für unser aller Leben“ an.

Es muss eine innere Offenheit geben – sowohl bei mir selbst als auch eine innere Offenheit derer, die ich befrage. Wenn das Menschen sind, die von innen her keine Sensibilität für die Form des geweihten Lebens in den evangelischen Räten haben – also Ehelosigkeit, Armut und Gehorsam –,  verschließen sie beim anderen die Berufung. Es braucht Menschen, die sensibel sind und spüren: Da ist etwas, das nach mehr ruft, also nach einer eigenen Form des Lebens.

Wenn es um Priester geht, gibt es immer mehr Spätberufene – und nicht allein die klassische Karriere vom Messdiener zum Priester. Worauf führen Sie das zurück?

Lantershofen
Das Studienhaus St. Lambert in Lantershofen bietet die Priesterausbildung auf dem dritten Bildungsweg. Neben Abitur und Abendgymnasium (zweiter Bildungsweg) gibt es die Möglichkeit des Zugangs zum Theologiestudium ohne Abitur.  Dahinter steckt die Überzeugung, dass die „Schule des Lebens“ unter bestimmten Bedingungen das Abitur ersetzen kann. Felix Genn war von 1997 bis 1999 Regens in Lantershofen.

Da habe ich Erfahrungen gesammelt durch meine Tätigkeit als Regens am Studienhaus St. Lambert in Lanters­hofen. Ich habe ganz breite Lebensgeschichten kennengelernt von Männern, die sich völlig von der Kirche abgewandt hatten und durch eine Begegnung oder Erfahrung auf diesen Weg zum Priester geführt wurden. In den Gesprächen habe ich festgestellt: Es gab im Kern immer etwas, das sie dahin zog, was sie aber nicht entfalten konnten, weil sie es nicht einordnen konnten. Oder sie hatten es zurückgedrängt, bis es dann in ihnen neu wach wurde. Es kann sein, dass die Berufung heute bei jungen Menschen,  die so viele Möglichkeiten haben, nicht als Erstes vorne liegt. Hinzu kommt eine völlig andere gesellschaftliche Situation. Der Herr ruft leise, vieles aber ist sehr laut.

Welche Situation meinen Sie?

Ein Priesterberuf konnte in einer geschlossenen katholischen Welt viel leichter wachsen, weil er dazugehörte und eine gewisse gesellschaftliche Stellung versprach. Das ist vorbei. Aber ich mache die Erfahrung, dass es junge Männer gibt, bei denen ich sehe und spüre: Da ist etwas, das in diese Richtung drängt. Sie brauchen Menschen, die sie ansprechen. Dann kann man immer noch schauen: Was steckt eigentlich dahinter? Es braucht eine jahrelange Begleitung, damit sich herauskristallisieren kann, wo das hingeht. Die wertvollste Hilfe sind die Exerzitien des heiligen Ignatius.

Die Diözesanstelle Berufe der Kirche im Bistum Münster, so steht es im Internet, ist geschlossen. Muss es neue Wege geben, um Berufungen zu entdecken?

Ich würde nicht sagen, sie sei geschlossen; sie ist verändert: Wir haben für diese Aufgabe den Priester und Beauftragten Holger Ungruhe gefunden, der sich verantwortlich weiß, ganz besonders auf die jungen Männer zu schauen, die Priester werden könnten. Es geht vor allem um gute Gespräche mit den pries­terlichen Mitbrüdern, aber auch mit Diakonen und Pastoralreferentinnen und -referenten. Zweitens führt er Gespräche mit den gewählten Vertretern der Diakone und Pastoralreferentinnen und -referenten mit der Frage, wie auch für deren Beruf Bewerberinnen und Bewerber gefunden werden können. Ein vernetztes Denken ist dabei wichtig. Es kann ja durchaus sein, dass jemand, der Priester werden möchte, erkennt: „Das geht aus vielerlei Gründen nicht – nicht nur wegen der zölibatären Lebensform. Es ist besser, ich gehe in den Dienst des Pastoralreferenten.“ Auch umgekehrt ist das möglich.

Sie sind innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz Vorsitzender der Kommission IV für geistliche Berufe und kirchliche Dienste (siehe Info rechts). Welche Themen stehen in der Kommission derzeit auf der Tagesordnung?

Kommission IV
Die Kommission IV ist in der Deutschen Bischofskonferenz für Geistliche Berufe und Kirchliche Dienste zuständig. Vorsitzender der neunköpfigen Kommission ist Bischof ­Felix Genn aus Münster. Die Kommission kümmert sich um Priester, Diakone, Gemeindereferenten und Pastoralreferentinnen. Es geht um ihr Studium, ihre Aus- und Weiterbildung, die Einsatzorte, Funktionen und Aufgabenprofile.

Zum Beispiel das gerade besprochene Thema. Wie können wir aktiv schauen, auf Leute zugehen, von denen wir überzeugt sind, dass sie sich mit der Frage des Priesterberufes oder –  noch weiter gefasst – des Lebens nach den evangelischen Räten auseinandersetzen? Die Vereinigten Staaten sind da viel kreativer als wir. Zum Beispiel gibt es dort  Initiativen, wo Priester junge Männer ansprechen, von denen sie diesen Eindruck haben. Dazu gibt es das ins Deutsche übersetzte Heft „Leih Christus deine Stimme“. Dann gibt es Gebetskreise, die um Berufungen beten. Wenn Jesus sagt, wir sollen darum beten, dann ist das das Erste. Alles Werben kann dagegen in die Gefahr des Machens kommen. Aber es geht nicht um ein Machen, sondern um ein Empfangen.

Sie haben vor einigen Wochen in einem Interview gesagt, ohne den Zölibat gäbe es nicht mehr Priester. Einige deutsche Bischöfe haben kürzlich geäußert, es müsse ernsthaft über die Wege der Zulassung zum Priesteramt gesprochen werden. Sehen auch Sie Diskussionsbedarf?

Das schließt ja nicht aus, was ich gesagt habe. Ich wurde gefragt, ob es ohne den Zölibat mehr Berufungen gäbe. Das habe ich verneint mit dem Hinweis, dass es auch in den anderen Berufsgruppen weniger Bewerberinnen und Bewerber gibt. Auch ein Blick in andere Konfessionen ist lehrreich. Dass man über die Frage der Zulassung zum Priesteramt, über die seit Jahren diskutiert wird, in aller Offenheit sprechen muss, schließt das überhaupt nicht aus. Aber man muss es wirklich bis ins Letzte durchdenken: Was heißt das? Was bedeutet das, wenn man auf „viri probati“ (bewährte verheiratete Männer) setzt? Was bedeutet das, wenn man den Zölibat ganz aufgäbe? Was hieße das im Rückschluss auch für die Formen des Lebens in der Nachfolge Jesu in Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit – immerhin seine eigene Lebensweise. Das sind nur einige Fragen.

Die sollten offen diskutiert werden?

Ja, und dazu bin ich auch bereit. Ich setze mich schließlich 50 Jahre mit diesem Thema auseinander, erst recht als früherer Spiritual am Priesterseminar in Trier. Ich habe mit dem Zölibat für mich eine dezidierte Entscheidung getroffen und habe eine dezidierte Meinung dazu. Die will ich genauso äußern können wie andere und möchte auch sagen: Das ist notwendig mitzubedenken.

Können Sie sich Lösungen nur für einen Teil der Weltkirche vorstellen?

Damit sind viele kirchliche Fragen verknüpft, zum Beispiel: Welche Kompetenz haben die Teilkirchen? In welcher Weise können sie sie ausüben? Da wird noch ein Feld eröffnet, das man bis ins Letzte durchdenken kann, muss und sollte. Ich will Ihnen ein Beispiel geben: Der Ständige Diakonat wurde auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil eingeführt wegen der Situation in den sogenannten Dritte-Welt-Ländern – heute spricht man von der Einen Welt. Den Ständigen Diakonat gibt es aber da weitgehend nicht. Er ist eingeführt worden in den reichen Ländern des Westens.

Und was sagen Sie zur Diskussion im Wes­ten über den Zölibat?

Wir haben in unserer westlichen Kultur den Sinn für dieses innere Geheimnis eines Lebens in der Nachfolge Jesu verloren. Das Geheimnis ist aber da, gerade wenn ich an die jüngeren Priester denke, die ich in den vergangenen zehn Jahren geweiht habe. Über die bin ich sehr froh. Sie machen überhaupt nicht den Eindruck eines konservativen Clubs, sondern sind sehr aufgeschlossen. Mich schmerzt es sehr, dass das Geheimnis meines Lebens mit Jesus – dieses Leben habe ich nur wegen Jesus gewählt – ständig unter „Beschuss“ gerät.  Die generelle Forderung nach der Abschaffung dieser Lebensform, der Lebensform Christi, ist auch ein ständiger Angriff auf gelebte Lebensformen. Stellen Sie sich vor, ich würde ständig Ihre Beziehung zu Ihrer Frau beschießen. Es geht doch um die Schönheit und Kostbarkeit der verschiedenen Lebensformen – nicht um den Beschuss.

Wie erklären Sie sich diese kritische Haltung zum Zölibat?

Erstens, weil man dafür kein Verständnis mehr hat. Zweitens, weil man offensichtlich auch einen Stachel im Fleisch weghaben will, denn der Zölibat ist ja ein Stachel im Fleisch – und drittens, das sagt uns der Missbrauchsskandal: Wie sehr haben Menschen in der Kirche erlebt, dass sie im Bereich der Sexualität unter Druck gesetzt wurden! Viele wurden regelrecht getriezt. Die zölibatäre Lebensform der Priester wird geradezu als zugespitzter Ausdruck einer vermeintlich durchweg negativ-pessimistischen Auffassung der Kirche von der menschlichen Sexualität verstanden. Zu­dem herrscht bei vielen der Eindruck: Wasser predigen und Wein trinken. Der Zölibat ist in diesem Sinne auch ein „Symbol“ für den Umgang von Kirche mit Sexualität – und dies ist natürlich durch den Missbrauchsskandal verheerend zerstört worden. Auch in diesen Kontext stelle ich das Nachdenken bis ins Letzte über die Lebensform in den Evangelischen Räten.