KIRCHE+LEBEN-INTERVIEW

New Yorker Pfarrer: „9/11“ wird bis heute politisch instrumentalisiert

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Am 11. September 2001 war Donald Baker junger Priester in New York. Kirche+Leben erzählt er, wie er die Anschläge erlebte und die USA ihn zerreißen.

Vermutlich weltweit jeder, der den 9. September 2001 erlebt hat, weiß, wo er die Nachricht von den Anschlägen erhalten hat. Wie war das damals für Sie – der Sie ja in New York lebten? Welche Erinnerung haben Sie persönlich an den Morgen, an den Tag?

Ich war Priester in Manhattan. Ich hatte gerade die Morgenmesse gefeiert, als eine Frau schreiend in die Kirche kam und berichtete, dass ein Hubschrauber in das Empire State Building gestürzt sei. Ich ging ins Gemeindezentrum, und noch bevor ich etwas sagen konnte, forderte mich die Sekretärin auf, den Fernseher einzuschalten. In diesem Moment sah ich die Bilder, wie zwei Flugzeuge in das World Trade Center gerast waren. Was mir von diesem Tag besonders in Erinnerung geblieben ist, sind die Panik der Eltern unserer Schulkinder und die Angst der Kinder selbst – sie verstanden nicht, was geschah, und viele von ihnen hatten Eltern, die in den Twin Towers arbeiteten. Ich erinnere mich an den endlosen Strom von Menschen, die sich mit Asche bedeckt aus Lower Manhattan nach Norden bewegten, und an die Kampfjets, die über uns kreisten.

Kannten Sie Opfer der Anschläge persönlich? Welche Geschichte geht Ihnen bis heute nach?

Ich kannte zwei Personen persönlich; sie gehörten zu meiner früheren Gemeinde in der Bronx. Andere kannte ich über gemeinsame Bekannte. Ich erinnere mich noch gut an die beiden Söhne von Ray Murphy – einem Feuerwehrmann, der zu diesen beiden Gemeindemitgliedern zählte. In den Monaten nach dem 11. September gab es unzählige Trauerfeiern; bisweilen konnten keine sterblichen Überreste geborgen werden, und wir feierten die Messe mit einem leeren Sarg. Ich erinnere mich an Rays Beerdigung. Ich erinnere mich an seine beiden Söhne, die dort saßen und das Einzige umklammerten, was man in den Trümmern gefunden hatte: Ray Murphys Feuerwehrhelm.

Wie haben Sie als Priester reagiert? Wie Ihre damalige Gemeinde?

Ich reagierte darauf, indem ich versuchte, den Menschen Trost zu spenden. Ich bestand darauf, dass unser Pfarrer die Kirchentüren offenließ, damit die Menschen hereinkommen und beten konnten. In unserer Gemeinde fanden zwar keine Trauerfeiern statt, doch das bedeutete nicht, dass wir vom Verlust von Freunden und Familienangehörigen verschont blieben. Die Gemeinde, in der ich damals tätig war, wurde 2015 mit einer anderen zusammengelegt und geschlossen.

Wie haben die Anschläge New York verändert? Gehen Sie persönlich seitdem anders durch die Stadt?

Die Angriffe veränderten nicht nur New York City, sondern ganz Amerika. Wir wurden zu einer Stadt, die von Sicherheit besessen war. Die Polizei wurde wie das Militär. Sicherheitskontrollen und bewaffnete Beamte wurden zur Norm. Allerdings sind wir New Yorker. Ich glaube nicht, dass sich das tägliche Leben für die meisten von uns verändert hat. Nach der Trauerzeit, die für viele mindestens ein Jahr dauerte, ging das Leben weiter und wir begannen mit dem langen, schwierigen Prozess des Wiederaufbaus.

In der „Stadt, die niemals schläft“, gibt es seitdem das Memorial an Ground Zero – den wohl stillsten Platz von New York City. Wie gelungen finden Sie den Gedenkort?

Ich halte die Gedenkstätte für sehr gelungen, auch wenn sie eher zu einer Touristenattraktion als zu einem Pilgerort geworden ist. Mit den Neubauten wurde begonnen, kaum dass die Trümmer beseitigt waren; in diesem Jahr erfolgte der Baubeginn für das letzte Gebäude auf dem Gelände der eingestürzten Türme. Die Gedenkstätte wurde in das Gefüge der Stadt eingebunden; sie ist ein Ort des Gedenkens – ja –, aber wie ich oft sage: Sie ist ein Ort, an dem die Wunde des 11. September geheilt ist. Es gibt eine Narbe. Doch ist eine Narbe nicht der sichtbare Beweis für die Heilung?

Die USA haben damals sehr schnell reagiert – unter anderem mit dem Krieg gegen Afghanistan, später mit der Ermordung von Osama bin Laden. Spätestens seitdem scheint das Verhältnis der Welt zum Islam verändert. Wie sehen Sie das?

Es gibt Menschen in den Vereinigten Staaten, die ihre Macht sichern, indem sie Angst schüren – sei es vor Osama bin Laden und Al-Qaida, Saddam Hussein und dem Irak, den Ayatollahs und dem Iran, Syrern in Europa oder Muslimen in Amerika; das spielt keine Rolle. Sie machen den Menschen Angst vor diesen Gruppen und behaupten dann von sich selbst, sie seien diejenigen, die sie beschützen können. Das ist die älteste Regel der Politik – und wir fallen jedes Mal darauf herein.

Bis heute halten sich Verschwörungs-Erzählungen rund um den 11. September 2001. Was entgegnen Sie Menschen, die daran glauben?

Man hört kaum noch jemanden von diesen Verschwörungstheorien sprechen. In einer Welt, in der alles zu „Fake News“ geworden ist, interessieren sich die Menschen nicht mehr sonderlich für diese Theorien.

Damals hieß es: Die Welt wird eine andere sein. Heute, 25 Jahre später, haben sich gewaltige, andere globale Krisen aufgetürmt. Das Verhältnis der Weltmächte ist erschüttert – die Rolle und das Ansehen der USA in der Welt haben sich noch einmal fundamental gewandelt. Wie schauen Sie auf Ihre Heimat, aber auch auf diese Welt?

Die Welt ist anders. Die internationale Zusammenarbeit, der gegenseitige Respekt und die Unterstützung, die die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg vor dem Auseinanderbrechen bewahrt haben, wurden systematisch von Menschen untergraben, die die Welt so aufteilen wollen, dass sie das größte Stück abbekommen. Es zerreißt mir das Herz, zu sehen, wie sehr die USA ihre Rolle als Friedensstifter aufgegeben haben.

Was meinen Sie konkret?

Nach dem 11. September hat sich in Amerika und in der Welt so vieles verändert. Man könnte argumentieren, dass der „ewige Krieg“ im Nahen Osten – der bis heute tobt und Milliarden Dollar sowie Millionen Menschenleben gekostet hat – seine Wurzeln im 11. September und der amerikanischen Reaktion darauf hat. Die Angst vieler Amerikaner vor Einwanderern wurde durch die Anschläge weiter geschürt und ist nach wie vor für alle sichtbar präsent. Zudem prägt die Instrumentalisierung des 11. Septembers zur Rechtfertigung eines Narrativs von „Amerika gegen den Rest der Welt“ bis heute Politik, Diplomatie und internationalen Handel.

Genau deshalb ist es so wichtig, die Geschichten jenes Tages wachzuhalten. Denn es sind keine Geschichten von Angst, Hass und Vorurteilen. Es sind Geschichten von Tapferkeit, Mut und Aufopferungsbereitschaft. Es sind Geschichten der Liebe: Liebe zum eigenen Land und Nächstenliebe. Es ist wichtig, diese Geschichten an künftige Generationen weiterzugeben. Denn sie setzen den anderen, düsteren Erzählungen etwas entgegen, die sich um den 11. September ranken und jene Kriege, Vorurteile und Gewalt rechtfertigen, die unser Land und unsere Welt so sehr belasten.

Was geht 25 Jahre nach den Anschlägen in Ihnen vor?

Für mich bleibt der 11. September ein trauriger Tag. Ich meide Ground Zero an diesem Jahrestag, werde den Ort aber zweifellos in den Tagen danach aufsuchen. Ich werde nach den Namen der Menschen suchen, die ich kannte und die in die Tafeln rund um die Wasserbecken eingraviert sind. Ich werde dem Rauschen des Wassers lauschen, das in die Grundrisse der Zwillingstürme hinabfällt. Ich werde um die Verluste trauern, aber auch die neuen Gebäude bestaunen, die an die Stelle der zerstörten Türme getreten sind. Sie sind ein Zeichen dafür, dass unsere Stadt geheilt ist und unser Land den 11. September überstanden hat.

Ob „rot“ oder „blau“, ob christlich, muslimisch oder jüdisch, ob Mann oder Frau, liberal oder konservativ – wir alle lieben unser Land. Vor 25 Jahren, an jenem 11. September, war es unser Land, das angegriffen wurde. Das gilt auch für die unveräußerlichen Rechte, an die wir alle glauben. Während unser Land dem Herbst und den Zwischenwahlen entgegenblickt, erinnert uns das Gedenken an den 11. September daran, was uns eint – die Rechte, die wir alle teilen, und unsere Verantwortung, diese Rechte vor all jenen zu schützen, die sie bedrohen, damit wir sie an unsere Kinder weitergeben können.

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