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Münsteraner Geistlicher über George Floyd, Morddrohungen gegen Priester und Chancengleichheit

Wie rassistisch sind unsere Gemeinden, Pater Égide?

Pater Égide Muziazia ist seit 2006 in Deutschland, seit 2012 im Bistum Münster und derzeit als Pfarrverwalter in Münster tätig. Welche Erfahrungen er mit Rassismus auch in Kirchengemeinden gemacht hat, berichtet er im Interview.

Pater Égide ist seit 2006 in Deutschland und seit 2012 an unterschiedlichen Orten in der Seelsorge des Bistums Münster im Einsatz. Derzeit ist er Pfarrverwalter in der Pfarrei Heilig Kreuz in Münster und promoviert in Theologie. Als Kind erlebte er die Kluft in seiner Heimat, der Demokratischen Republik Kongo. Wie er über den Tod von George Floyd durch rassistische Polizeigewalt in den USA denkt und ob er Rassismus auch in Kirchengemeinden erlebt hat, berichtet er im Interview.

Wie trifft der Tod von George Floyd in den USA Sie hier in Deutschland?

Der Mord an dem 46-jährigen Afroamerikaner George Floyd durch einen weißen Polizisten hat die ganze Welt schockiert. Das macht deutlich, dass Rassismus auch heute noch ein großes gesellschaftliches Problem ist. Dennoch kann die Rassenproblematik in den USA nicht mit unserer Situation in Deutschland gleichgesetzt werden. Rassismus und ethnische Diskriminierung waren bis in die 1960er Jahren ein wesentliches Merkmal der amerikanischen Gesellschaft. Und auch nach Abschaffung des Rassentrennungsgesetzes werden in den USA weißen Amerikanern weiterhin Rechte und Privilegien zugestanden, die Afroamerikanern und anderen ethnischen Gruppen verweigert werden.

Mit dem Untergang des Naziregimes endete in Deutschland die institutionalisierte und systemische Rassentrennung. Das Deutschland heute steht für eine tolerante und multikulturelle Gesellschaft, in der viele Kulturen, Ethnien und Rassen zusammenleben. Allerdings haben die großen Migrationsbewegungen im Jahr 2015, die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht des selben Jahres am Kölner Dom und der wachsende Rechtsextremismus die Fremdenfeindlichkeit verschärft, Risse in der Gesellschaft hinterlassen und die Zusammengehörigkeit überschattet. Der Umgang der Ansässigen mit Ausländern im öffentlichen Raum – in den Verkehrsmitteln und Geschäften etwa – ist rau geworden. Persönlich habe ich außerhalb des kirchlichen Raums mit Fremdfeindlichkeit in Bussen oder Geschäften zu tun gehabt. Allerdings bewerte ich diese Fremdfeindlichkeit nicht unbedingt als Rassismus, denn auch Deutsche, die Partei für die Seite der Ausländer ergreifen, werden angefeindet – im Extremfall sogar bis hin zum Mord. Darum handelt es sich hier meines Erachtens nicht um Rassismus im eigentlichen Sinne. Denn Rassismus liegt dann vor, wenn Unterdrückung und Ungleichbehandlung anderer ethnischer Gruppen auf biologische Unterschiede zurückzuführen ist – wie derzeit in den USA.

Welche Erfahrungen haben Sie selber mit rassistischen Bemerkungen gemacht?

In den Gemeinden, in denen ich als Priester mitgewirkt habe, wurde mir immer wieder viel Liebe, Achtung, Respekt und Herzlichkeit entgegengebracht. Doch die Erfahrungen, die wir als Priester der Weltkirche hier in Deutschland machen, sind von Ort zu Ort unterschiedlich. Der Wirkungskreis seit meiner Kaplanzeit im Jahr 2012 bis heute liegt innerhalb des Bistums Münster. In meiner unmittelbaren Umgebung – damals wie heute – habe ich noch nicht mit rassistischen Bemerkungen zu tun gehabt. Bekannt ist der Fall eines afrikanischen Priesters im Bistum Osnabrück, der im Jahr 2008 mit ausländerfeindlichen Sprüchen beschimpft wurde und anonyme Briefe erhielt. Daraufhin kehrte er nach Nigeria zurück. Solche Fälle kommen leider immer wieder vor. Erst neulich wieder musste ein Gemeindepfarrer, ebenfalls aus Nigeria, seine Gemeinde in Queidersbach bei Kaiserlautern aufgrund von Fremdfeindlichkeit und Morddrohungen verlassen. Zugleich aber zeigt sich bei solchen Vorkommnissen immer auch eine unglaubliche gesellschaftliche Solidarität, denn im Fall des afrikanischen Priesters in Queidersbach haben der örtliche Gemeinderat und die Bistumsleitung klare Stellung gegen diesen Vorfall bezogen. Ich lese oder höre ab und zu, dass die eine oder die andere Familie den Priester der Weltkirche bei Taufe, Trauung oder Beerdigung ablehnen.

Ganz frei von Rassismus sind Kirche und Gemeinden also nicht?

Selbstverständlich sind Gemeindemitglieder immer auch Bestandteil der Gesellschaft. Deshalb ist es nicht auszuschließen, dass fremdenfeindliche Neigungen auch bei Christinnen und Christen zu finden sind. Doch beziehen die Kirchen in Deutschland – die katholische ebenso wie die evangelische – sowie die Politik eindeutig Stellung gegen Rassismus und geben ihm keine Chance.

Meine Erfahrung mit Kirche im Bistum Münster ist die der Chancengleichheit. Die Bistumsleitung achtet nicht auf Herkunft oder Ethnie, sondern sieht individuell den ganzen Menschen – seine Talente, Fähigkeiten und Begabungen. Im Bistum Münster gibt es sowohl deutsche wie afrikanische und indische leitende Pfarrer. Sollte die Kirche rassistisch sein, wäre solche Chancengleichheit undenkbar.

Wie können wir als Kirche mit dieser Situation umgehen?

Die Kirche in Deutschland wird immer missionarischer und denkt lokal und global. Innerhalb der Kirche wird bereits viel im Umgang mit Rassismus getan. Gerade im Bistum Münster setzt sich allmählich der Begriff Weltkirche durch. Dies zeigt, dass wir in Deutschland mit anderen Christinnen und Christen aus der ganzen Welt gemeinsam Kirche sind. Hinzu kommt außerdem, dass in unserem Bistum ein Referat für Priester der Weltkirche angesiedelt ist. Diese Abteilung leistet hervorragende Arbeit bei der Begleitung der Priester aus der Weltkirche, wie sich aus der Präsenz vieler Christinnen und Christen aus dem globalen Süden ablesen lässt. Im Herbst des vergangenen Jahres hat Renate Brunnett, die Leiterin dieses Referats, eine Tagung für afrikanische Priester im Bistum Münster organisiert. Da fand eine intensive Auseinandersetzung mit dem Problem des Rassismus in der Seelsorge statt. Die Erfahrungen der Mitbrüder in der Seelsorge waren allgemein positiv und von unmittelbaren rassistischen Erlebnissen in der Seelsorge konnte dankenswerterweise nicht die Rede sein. Dazu, wie es in dieser Hinsicht in anderen Bistümern aussieht, kann ich aus eigener Erfahrung nichts sagen.

Der adäquate Umgang mit Rassismus wäre meines Erachtens, dass Kirche hierzulande im Zeitalter der Globalisierung dem Begriff der Weltkirche mehr Aufmerksamkeit schenken sollte. Mit einem weltkirchlichen Verständnis würde bei Christinnen und Christen hierzulande das Zusammengehörigkeitsgefühl sicherlich wachsen.

Ist es nicht auch schon rassistisch, dass wir als Kirche+Leben fast immer nur dann über die afrikanische Gemeinde berichten, wenn sie einen möglichst bunten Gottesdienst feiert?

Die Berichte von Kirche+Leben über die bunten Gottesdienste der afrikanischen Gemeinden können nicht als rassistisch bewertet werden. Gerade die in bunten Gottesdiensten mit Musik und Tanz vermittelte „Andersgläubigkeit“ der Afrikaner und Afrikanerinnen zeigt die Vielfalt der katholischen Kirche. Weihbischof Dieter Geerlings bezeichnet das als Chance für die Katholizität. Darüber hinaus freuen sich auch Menschen hierzulande, wenn sie zumindest über Kirche+Leben immer wieder erfahren können, wie der katholische Glaube in den Gemeinden anderer Muttersprachen gelebt und gefeiert wird. Solche Berichte sind meiner Meinung nach lohnenswert.

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